Dienstag, 27. Mai 2014

Sabine Weigand / Die Markgräfin

Klappentext
Mit zehn ist sie verheiratet. Mit zwölf Witwe. Mit fünfzehn heiratet sie den König von Böhmen. So steht es in den Chroniken. Als sie endlich ihr eigenes Leben führen will, sperren ihre Brüder sie ein. Ihre Spur verliert sich 1542. Bis in unseren Tagen ein geheimnisvoller Fund die Geschichte der Markgräfin Barbara von Ansbach enthüllt. »Eine Geschichte von Machtgier, Intrigen, Liebe und Verrat - die Geschichte einer Frau, die tatsächlich gelebt hat: fesselnd bis zur letzten Seite.«


Autorenporträt
Sabine Weigand stammt aus Franken. Sie ist Historikerin und arbeitet als Ausstellungsplanerin für Museen. Dokumente aus Nürnberg waren der Ausgangspunkt ihres Romans ›Das Perlenmedaillon‹, das wahre Schicksal einer Osmanin am Hof August des Starken liegt dem Roman ›Die Königsdame‹ zugrunde. In ›Die Seelen im Feuer‹ bilden die Hexenakten von Bamberg die historische Romanvorlage, bei ihrem ersten Roman ›Die Markgräfin‹ war es die reale Geschichte der Plassenburg bei Kulmbach, bei ›Die silberne Burg‹ die Bestallungsurkunde einer jüdischen Ärztin, in ›Die Tore des Himmels‹ das Leben der Hl. Elisabeth und in ›Das Buch der Königin‹ das Schicksal der Konstanze von Sizilien.
Mein erstes Buch von der Autorin. Klingt recht interessant. Hoffe, dass das auch so bleibt.








Montag, 26. Mai 2014

Andrea De Carlo / Als Durante kam (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch habe ich durch und bin noch immer ungehalten. Kann mich nicht entscheiden zwischen gutes und weniger gutes Buch. Dann entscheide ich mich für die Mitte. Ein mittelmäßiges Buch.

Der Roman spielt in Mittelitalien. Pietro ist der Icherzähler und die Hauptfigur der Handlungen. Er ist zusammen mit seiner österreichischen Freundin Astrid von Beruf Weber. Sie leben ländlich und sind selbstständig. Die Beziehung besteht schon seit über sieben Jahren.
Sie genießen es einerseits, beruflich für sich zu sein, doch es kommt auch mal vor, dass sie unter einem enormen Druck stehen, immer rechtzeitig Aufträge reinzubekommen. Manchmal sind sie so knapp bei Kasse, dass es nicht einmal für die Lebenshaltungskosten reicht.
Eines Tages erscheint wie aus dem Nichts ein Pferdetrainer, Anfang vierzig, namens Durante, gibt an, Medizin studiert zu haben und stellt das Leben nicht nur der beiden WeberInnen auf den Kopf.



Zur Erinnerung gebe ich noch einmal den Klappentext rein:
Als Durante ins Val di Poggio kommt, verändert sich alles. Denn er sagt, was er denkt, und er tut, was er sagt. Faszinierend, finden die Frauen. Irritierend, finden die Männer. Pietro und Astrid leben in den Hügeln östlich des Apennins, weben Stoffe von Hand und verkaufen sie an Privatkunden oder kleine Geschäfte. Ein einfaches, gutes Leben – das ist es, was sie schon immer wollten und nun seit einigen Jahren führen. Ganz allein sind sie nicht in der Gegend: Das Val di Poggio ist ein zeitgeistiger Mikrokosmos – manch einer ist hierher gezogen, um einen Hof zu restaurieren, ein kleines Hotel mit Reitstall zu betreiben oder um naturnah zu leben. An einem heißen Nachmittag im Mai erscheint ein Fremder vor dem Haus von Pietro und Astrid. Seltsam: Der Hund, der sonst immer bellt, lässt sich streicheln. Astrid ist fasziniert, Pietro irritiert. Durante fragt die beiden bloß nach dem Weg zu einem Hof. Doch das allein reicht, um das Paar zutiefst zu verstören. Wie schon in ›Zwei von zwei‹ prallen in diesem Roman unterschiedliche Welten und Vorstellungen aufeinander. Wobei gerade dadurch auch wundersame Freundschaften entstehen.
Durante ist eine Persönlichkeit, die mit seinem Charisma fast alle Menschen und Tiere zu verzaubern vermag, und niemand weiß, wie er das macht. Besonders Frauen gehen ganz in ihm auf. Auch Astrid und deren Schwester Ingrid. Ingrid befindet sich auf Besuch.

Seit Durante bei Astrid und Pietro aufgetaucht ist, geraten die beiden permanent aneinander. Astrid, die, so scheint es, Durante verehrt, ohne ihn zu kennen, und Pietro, der ihm misstraut, gibt es ständig Zank wegen dieses Typens. Stimmt die Beziehung zwischen den beiden schon lange nicht mehr? War es Durante, der ihnen dies unbewusst widerspiegelte?
Mir waren diese vielen Streitereien der beiden ein wenig lästig. Nicht, weil diese nicht sein dürfen, sondern weil es dann ab einem gewissen Grad einfach anstrengend wird, weiter zu lesen. Aber die gehoffte Wende kam ja dann doch noch...

Als schließlich Ingrid auftauchte, die unbedingt Durante kennenlernen wollte, wurde Astrid eifersüchtig, als sich Ingrid vier Nächte lang mit Durante abgab.

Es stellt sich heraus, dass Durante jede Menge Familien hat. Unverheiratet mit der einen Frau, geschieden mit der anderen. Eine in Venedig und eine in der Schweiz, andere wurden nicht erwähnt, sondern nur angedeutet. Durante versucht sein Leben so zu leben, wie es ihm passt, und er nimmt keinerlei Rücksicht auf andere Leute. Verantwortlich zu sein für etwas, das scheint für Durante nicht zu existieren.

Astrid verreist in ihr Heimatland und Pietro, so ist es wie alle Jahre geplant, bleibt zurück und reist später nach. Nun ist Pietro gefordert, Durantes sonderbare Lebensansichten näher kennenzulernen und zu tolerieren. Die beiden kommen sich näher …

Ich fragte mich zwischendrin, ob es fair ist, sich von den Frauen immer wieder zu trennen? Dann sagte ich mir, klar, denn auch die Frauen sind verantwortlich dafür, mit wem sie eine Bindung eingehen. Später allerdings änderte ich ein wenig meine Meinung, denn aus den Bindungen gehen auch Kinder hervor, und für die ist Durante sehr wohl verantwortlich.

Durante taucht in den Familien sporadisch auf, damit die Kinder ihn nicht vergessen. Die Familien haben einen Patchwork-Charakter.
Durante stellt die Erziehung der Mütter indirekt infrage, verschwindet dann wieder, wenn es brenzlig wird. Klar, dass die alleinerziehenden Mütter sich dagegen auflehnen.

Durante hilft anderen dabei, sich selbst zu finden, auf ihr Gefühl zu hören, und die inneren Widersprüche zu beseitigen. Mut zu haben zu einem kompromisslosen Leben.

Habe eine Textstelle gefunden, die ich nun zitieren werde. Ich gebe einen längeren Dialog zwischen Pietro und Durante wieder:
„Was glaubst du, wie du bist?" fragte Durante.
"Na ja, manchmal sehe ich mich zufällig von außen und bin ganz anders, als ich zu sein meinte."
"(…) Wichtig ist, dass du weiter glaubst, der zu sein, für den Du dich hältst."
"Auch wenn ich weiß, dass die anderen mich nicht anders sehen als ich selbst?"
"Die anderen gibt es nicht."
"Ach nein?"
"Nein (…). Es gibt die andere und den anderen, viele andere Individuen, Schluss, aus."
"Mag sein, (…) aber wenn man sie alle zusammennimmt, können sie einen ganz schön einschüchtern."
"Du bist es, der ihnen diese Macht verleiht (…). Du bist es, der sie alle zusammentut. Sie wissen es gar nicht."
"Demnach müsste ich sie mir als lauter einzelne Personen vorstellen?"
"Ja, und jede ist genauso besorgt wie du beim Gedanken an die anderen."
"Mag sein, (…). Aber das ändert nichts daran, dass jeder einzelne andere mich weiterhin anders sieht, als ich mich sehe."
"Ist das nicht faszinierend?"(…) "Gibt es deiner Meinung nach auch keinen objektiven Sinn?", fragte Pietro. "Im Leben?" 
Durante schüttelte den Kopf: „Den musst du für dich erfinden, den Sinn. Und immerzu neu erfinden."
„Ja?“"
"Du darfst aber nie zu vernünftig werden, (…). Denn selbst wenn du dich völlig den Regeln der sogenannten Realität unterwerfen würdest, würdest du entdecken, dass die sogenannte Realität an irgendeinem Punkt zu Ende ist."
„Stimmt", sagte Pietro.
„Hab keine Angst, dir vorzustellen, du seiest ein Romanheld, (…)".
Das klingt ja alles ein wenig psychophilosophisch. Überzeugt mich aber nicht, solange es die Kinder gibt, die er gezeugt hat und für die er keine Verantwortung übernimmt.

Deshalb mache ich nun an dieser Stelle Schluss. Das Buch kann ich durchaus weiter empfehlen, aber man darf nicht allzu viel erwarten.

Intuitiv betrachtet bekommt das Buch von mir sieben von zehn Punkten. Die Dialoge waren recht authentisch und fantasievoll geschrieben.

______
Wie können die Toten wirklich tot sein, solange sie noch durch unser Herz wandern?
(C. McCullers zitiert aus einer alten Indianerlegende).


Gelesene Bücher 2014: 36
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Donnerstag, 22. Mai 2014

Andrea De Carlo / Als Durante kam

Klappentext
Als Durante ins Val di Poggio kommt, verändert sich alles. Denn er sagt, was er denkt, und er tut, was er sagt. Faszinierend, finden die Frauen. Irritierend, finden die Männer.Pietro und Astrid leben in den Hügeln östlich des Apennins, weben Stoffe von Hand und verkaufen sie an Privatkunden oder kleine Geschäfte. Ein einfaches, gutes Leben – das ist es, was sie schon immer wollten und nun seit einigen Jahren führen. Ganz allein sind sie nicht in der Gegend: Das Val di Poggio ist ein zeitgeistiger Mikrokosmos – manch einer ist hierher gezogen, um einen Hof zu restaurieren, ein kleines Hotel mit Reitstall zu betreiben oder um naturnah zu leben. An einem heißen Nachmittag im Mai erscheint ein Fremder vor dem Haus von Pietro und Astrid. Seltsam: Der Hund, der sonst immer bellt, lässt sich streicheln. Astrid ist fasziniert, Pietro irritiert. Durante fragt die beiden bloß nach dem Weg zu einem Hof. Doch das allein reicht, um das Paar zutiefst zu verstören. Wie schon in ›Zwei von zwei‹ prallen in diesem Roman unterschiedliche Welten und Vorstellungen aufeinander. Wobei gerade dadurch auch wundersame Freundschaften entstehen.


Autorenporträt
Andrea De Carlo, geboren 1952 in Mailand, lebte nach einem Literaturstudium längere Zeit in den USA und in Australien. Er war Fotograf, Maler und Rockmusiker, bevor ihm 1981 mit seinem ersten Roman, ›Creamtrain‹, der Durchbruch gelang – sein Mentor damals: Italo Calvino. Acht Jahre später legte er den Roman ›Zwei von zwei‹ vor, der zum Kultbuch einer ganzen Generation wurde. Andrea De Carlo lebt in Mailand und in Ligurien.
Der Autor ist mir noch unbekannt und bin recht neugierig auf das Buch, das ich eher bei Jokers entdeckt habe.




Mittwoch, 21. Mai 2014

Maarten ´t Hart / Das Wüten der ganzen Welt (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre


Ich fand das Buch recht interessant. Hat eine Menge gezeigt zu der niederländischen Gesellschaft aus dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit zu den späten 1950er Jahren.

Es ist ein Krimi, liest sich aber nicht unbedingt wie ein Krimi. Hat nämlich den Vorteil, dass sämtliche Ereignisse im Buch authentisch wirken und nicht so gekünstelt und gestelzt aufgebaut sind, wie ich sie aus einigen anderen Krimis kenne ...

Auffallend und interessant war für mich das Leben der gläubigen Menschen, das sich hier durch das ganze Buch hindurchzieht. Wie die Menschen damals ihren Glauben gelebt hatten, kenne ich eher aus dem Katholizismus. Ich entnehme dem Buch verschiedene Formen der Konfessionen. Damit meine ich nicht Protestanten und Katholiken. Nein, innerhalb der Protestanten gibt es noch andere Gruppierungen, wie z. B. die Reformierten und die Evangelischen und sich mir die Frage gestellt hat, ob denn nicht alle Protestanten durch Luther reformiert sind?
Der Protagonist und Icherzähler dieses Romans nennt sich Alexander Goudveyl, der als Einzelkind in einer etwas konservativen Familie aufwächst. Wie aus dem Kontext zu entnehmen ist, sind Alexanders Eltern recht einfache Leute. Zudem leben die bibelfesten Eltern streng gläubig, und der Sohn hinterfragt sehr oft die religiösen Theorien seiner Eltern.

Ich gebe noch einmal den Klappentext rein:
Maarten ’t Hart schildert in seinem Roman die kleine Welt eines südholländischen Städtchens. Dort, in der President Steynstraat, ist der Komponist Alexander Goudveyl als Sohn eines Lumpenhändlers aufgewachsen, großgezogen mit Gebeten und den alten Geschichten vom Krieg. 30 Jahre später erinnert er sich an diese Zeit, vor allem an den 22. Dezember 1956, einen regennassen Samstagnachmittag, an dem der Polizist Vroombout ermordet wurde.
Ein wenig perfide zeigten sich Alexanders Eltern anderen Menschen gegenüber, die über eine andere Lebensweise verfügen. Sie warnten ihren Sohn vor allem vor Menschen, die weder einen Glauben, noch Gebot und Gott kennen würden. Wiederum andere Menschen mieden Alexanders Eltern, da sie Blutwurst aßen, und Blutwurst, so stehe es in der Bibel, sei zum Verzehr strikt verboten, da die Wurst nicht blutfrei sei.

Der Autor schafft es, diese rigiden religiösen Anschauungen ein wenig mit Humor zu behandeln, was mir auch gut gefallen hat. Im Folgenden geht es um die Reinwaschung von Sünden und welche Funktion die Taufe hat. Der junge Alexander tritt dabei beobachtend in seiner kindlich-naiven-kritischen Form auf:
>>Ist denn das äußere Wasserbad selber die Reinwaschung von Sünden? Es heißt nein; denn nur das Blut von Jesus Christus und der Heilige Geist reinigen uns von aller Sünde.>>
>>Dass man von Blut sauber werden könne, scheint mir fragwürdig. Blutflecken, sagt meine Mutter immer, sind gerade die gemeinsten Flecken.<< (106)
Über diese Textstelle musste ich laut lachen.

Zu den Kirchensteuern zeigt sich der sparsame Vater Goudveyl recht genervt:
>>Feste kirchliche Beiträge! Feste kirchliche Beiträge! Die sind nicht ganz bei Trost, wie können sie es wagen! Also, wenn es jemanden gibt, der kein Geld nötig hat, dann Gott. Wofür sollte es denn ausgeben?<< (41)
Weitere Szenen sind dem Buch zu entnehmen.

Alexander war ein begabtes Kind, vor allem in der Musik. Er bringt sich die Grundkenntnisse des Klavierspielens autodidaktisch bei. Erst später erhält er privaten Musikunterricht. Er hat Glück, denn zu Hause steht ein altes Klavier, auf dem er üben kann. Das Klavier, der Marke Blüthner, hatte allerdings für die Eltern so gar keinen Wert, bis eines Tages ein Interessent erscheint, und viel Geld für das alte Stück hinlegt. Alexander ist schwer enttäuscht und der Vater versucht den Sohn zu trösten, hat beim Kirchenorganist durchsetzen können, dass er auf der Orgel spielen darf. Alexander zeigt sich entsetzt:
>>... aber ich bin doch kein Kirchenorganist. (…) Ich weiß überhaupt nicht, wie man diese Pedale…<<
>>Mit den Füßen, das machst du mit deinen Füßen.<<
Noch ein Lacher ...
In dem ganzen Buch dreht sich vieles um die Musik. Das hat mir sehr gut gefallen, da ich Musik selbst auch sehr schätze. Es wurden viele Bachkantaten rezitiert. Alexander hegt den tiefen Wunsch, Komponist zu werden. Doch sein Freund, der Apotheker, auch sehr musikalisch, warnt ihn davor:
>>Wenn du in der Musik etwas erreichen willst, musst du unglaublich gut sein, du hast so viele Konkurrenten, die alle dasselbe wollen. Wenn du die Musik wirklich liebst und sie auch weiterhin lieben willst, musst du sie zu deiner Geliebten machen. Du darfst sie niemals heiraten.<< (153)
Das fand ich eine so schöne Metapher. Sie ging in mir auf wie eine Blüte. Fantastisch.

Wer Bach liebt, dem empfehle ich dringend zu diesem Buch. Im Schlussteil ist ein kleines Brevier beigefügt, in dem die Werke verschiedener deutscher Komponisten zum Nachhören aufgelistet sind. 

Über das Kriminalistische möchte ich nicht viel sagen, außer, dass zu der Zeit, als Alexander auf der Orgel seine Stücke einübte, ein Mord verübt wurde und er angeblich der einzige indirekte Zeuge war … Er nahm den Schuss lediglich akustisch wahr, aber ohne am Tatort gewesen zu sein.

Alexanders Vater hatte seinen Sohn einmal wöchentlich mit dem Knallen einer Papiertüte erschrecken wollen. Alexander gewöhnte sich an dieses Ritual, aber um seinem Vater die Freude nicht zu vergönnen, tat er immer so, als würde er von dem Tütenknallen erschrecken. Dieses Knallen der Tüte war so stark verinnerlicht, dass Alexander den Pistolenschuss mit dem lauten Knall der Tüte verwechselte … Alexander begibt sich selber auf Spurensuche, um den Täter ausfindig zu machen, der den pädophilen Freund getötet hat, weil er sich selbst bedroht fühlt.

Mehr verrate ich nicht. Aber diese Szene zwischen Vater und Sohn hatte mich schon sehr nachdenklich gestimmt. Da scheint das Kind reifer zu sein als der Vater selbst, passt sich aber dem widernatürlichen Spiel an. Was ein Kind so alles leistet.
Da ich beruflich hauptsächlich mit Menschen zu tun habe, ist es für mich selbstverständlich, dass ich solche Szenen nicht überlese ... Außerdem ist mir diese Art von Interaktion, natürlich ohne den Pistolenschuss, zwischen dem Kind und dem Erwachsenem aus eigener Erfahrung bekannt. Mein eigener Großvater hatte damals zu uns Kindern immer Fratzen geschnitten. Ich fand die Fratzen gar nicht lustig, habe aber so getan, als müsste ich darüber lächeln. Auch ich wollte ihm die Freude nicht nehmen, sich als Komiker darzustellen.
Maarten ´t Hart hat es einfach gut drauf, das Allzumenschliche in seinen Büchern wiederzuspiegeln. Und da ist es völlig egal, aus welchem Land diese Menschen kommen.
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Musik ist eine Weltsprache
(Isabel Allende)

Gelesene Bücher 2014: 35
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86





Montag, 19. Mai 2014

Meine LieblingsautorInnen

Autorinnen


  1. Allende, Isabel
  2. Lindgren, Astrid
  3. McCullers, Carson
  4. Shreve, Anita                
  5. Walls, Jeanette
  6. Woolf, Virginia
  7. Zweig, Stefanie



Autoren
  1. Dickens, Charles
  2. Fallada, Hans
  3. Hardy, Thomas
  4. Hart, ´t Maarten
  5. Hesse, Hermann
  6. Ibsen, Henrik
  7. Kästner, Erich
  8. Maupassant, de Guy
  9. Mercier, Pascal
  10. Murakami, Haruki
  11. Süskind, Patrick
  12. Yallom, Irvin D.
  13. Zsusak, Markus
  14. Zweig, Stefan








Sonntag, 18. Mai 2014

Maarten 't Hart / Das Wüten der ganzen Welt

Klappentext
Maarten ’t Hart gehört zu den beliebtesten Autoren der Niederlande. In seinem Roman schildert er die kleine Welt eines südholländischen Städtchens. Dort, in der President Steynstraat, ist der Komponist Alexander Goudveyl als Sohn eines Lumpenhändlers aufgewachsen, großgezogen mit Gebeten und den alten Geschichten vom Krieg. 30 Jahre später erinnert er sich an diese Zeit, vor allem an den 22. Dezember 1956, einen regennassen Samstagnachmittag, an dem der Polizist Vroombout ermordet wurde.


Autorenporträt
Maarten ’t Hart, geboren 1944 in Maassluis bei Rotterdam als Sohn eines Totengräbers, studierte Verhaltensbiologie, bevor er sich 1987 als freier Schriftsteller in Warmond bei Leiden niederließ. Nach seinen Jugenderinnerungen »Ein Schwarm Regenbrachvögel« erschien 1997 auf Deutsch sein Roman »Das Wüten der ganzen Welt«, der zu einem überragenden Erfolg wurde und viele Auszeichnungen erhielt. Seine zahlreichen Romane und Erzählungen machen ihn zu einem der meistgelesenen europäischen Gegenwartsautoren. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch »Unter dem Deich«.
Von dem Autor habe ich bisher nur ein Buch gelesen. Unter dem Deich, das mir sehr gut gefallen hat. Das vorliegende Buch ist nicht weniger interessant. Ich habe nun die ersten einhundert Seiten durch und meine Neugier ist noch immer aktiv, was ein gutes Zeichen ist. Ich habe von dem Autor noch ein paar Bände ungelesen im Regal stehen, werde mir aber noch die Autobiografie Das Paradies liegt hinter mir zulegen. Es ist immer gut, die Autobiografie vorangestellt zu lesen. Wusste nur noch nicht, dass ich mich mit Maarten t´Hart noch weiter auseinandersetzen möchte. Das möchte ich, nachdem ich mich nun auch von diesem Band inspiriert fühle.










Samstag, 17. Mai 2014

Henri Alain - Fournier / Der große Meaulnes (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch ist gut geschrieben. Die Sprache hat mir gut gefallen. Sie ist recht fantasievoll.
Dennoch hat mich die Lektüre nicht wirklich gefordert. Ich war oft mit meinen Gedanken woanders und kann nicht mal sagen, woran das gelegen haben könnte. Eigentlich hätte ich das Buch wieder abbrechen müssen, habe aber doch noch durchgehalten, da es nur 317 Seiten umfasste und die wollte ich eben durchhalten. Das Buch schien mir zu langweilig gewesen zu sein. Irgendwie hatten die Literaturfiguren nach meinem Geschmack wenig Tiefe … Vielleicht hat es daran gelegen.

Ich werde also wenig zu dem Buch schreiben.

Zur Erinnerung gebe ich noch einmal den Klappentext rein:
Das beschauliche Leben des fünfzehnjährigen François Seurel ändert sich für immer, als ein neuer Schüler in die Provinzschule seines Vaters kommt. Augustin Meaulnes, von den Mitschülern nur "der große Meaulnes" genannt, ist ein schweigsamer, stolzer Junge und wird sein bester Freund. Eines Tages verschwindet Meaulnes für drei Tage und kehrt verwirrt, übermüdet und doch wie verzaubert zurück. Er habe sich in einem Wald verirrt, sagt er, sei in ein seltsames Maskenfest auf einem verwunschenen Schloß geraten. Von der Begegnung mit einem wunderschönen Mädchen ist die Rede und von einer Kahnfahrt auf einem winterlichen See ... François weiß zunächst nicht, ob er den Worten seines Freundes glauben soll. Doch unter seiner Jacke trägt Meaulnes eine prunkvolle Seidenweste, und bald schon richtet sich das ganze Streben der beiden Freunde - "Schwärmer, Schlafwandler zwischen Traum und Wachen, enthusiastisch gebannt von den Reizen einer inneren Welt voller Schönheit und Liebe" (Ludwig Harig) - darauf, das "verlorene Land", wiederzufinden, das auf keiner Karte verzeichnet ist ...
Eigentlich steht schon alles im Klappentext geschrieben. Ich wüsste nicht, was noch zu ergänzen wäre.

Interessant fand ich, dass Francois` Vater auch sein Lehrer ist, und um sämtliche Irritationen an der Schule zwischen Vater und Sohn vor den anderen Schülern vorzubeugen, musste Francois seinen Vater an der Schule mit Monsieur Seurel anreden.

Traurig fand ich die Liebesgeschichte zwischen Meaulnes und seiner Angebeteten  ... Was allerdings nicht heißen muss, dass ich immer ein happy End brauche.
Ich lese sowieso keine Liebesgeschichten gerne, und schon gar keine Schnulzen. Nein, eine Schnulze ist die Liebesgeschichte in diesem Buch wahrhaftig nicht. 
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Wie können die Toten wirklich tot sein, solange sie noch durch unser Herz wandern?
(C. McCullers zitiert aus einer alten Indianerlegende).

Gelesene Bücher 2014: 34
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86



Dienstag, 13. Mai 2014

Henri Alain - Fournier / Der große Meaulnes

Klappentext
Das beschauliche Leben des fünfzehnjährigen François Seurel ändert sich für immer, als ein neuer Schüler in die Provinzschule seines Vaters kommt. Augustin Meaulnes, von den Mitschülern nur "der große Meaulnes" genannt, ist ein schweigsamer, stolzer Junge und wird sein bester Freund. Eines Tages verschwindet Meaulnes für drei Tage und kehrt verwirrt, übermüdet und doch wie verzaubert zurück. Er habe sich in einem Wald verirrt, sagt er, sei in ein seltsames Maskenfest auf einem verwunschenen Schloß geraten. Von der Begegnung mit einem wunderschönen Mädchen ist die Rede und von einer Kahnfahrt auf einem winterlichen See ... François weiß zunächst nicht, ob er den Worten seines Freundes glauben soll. Doch unter seiner Jacke trägt Meaulnes eine prunkvolle Seidenweste, und bald schon richtet sich das ganze Streben der beiden Freunde - "Schwärmer, Schlafwandler zwischen Traum und Wachen, enthusiastisch gebannt von den Reizen einer inneren Welt voller Schönheit und Liebe" (Ludwig Harig) - darauf, das "verlorene Land", wiederzufinden, das auf keiner Karte verzeichnet ist ...

Autorenporträt
Alain-Fournier (eigentlich Henri-Alban Fournier; * 3. Oktober 1886 in La Chapelle-d’Angillon, Centre; † 22. September 1914 in Les Éparges bei Verdun) war ein französischer Schriftsteller.Das obige Buch erschien 1913 und wurde für den Prix Concourt vorgeschlagen und zählt heute zu dem wohl romantischsten Werk der französischen Literatur. Geheimnisvoll wie sein Roman ist auch der frühe Tod des Schriftstellers, der in den Wirren des ersten Weltkrieges verschwand und dessen Leiche erst Jahre später anhand einer Dienstmarke in einem Massengrab identifiziert werden konnte.
Mir gefällt das Buch bis jetzt ganz gut. Mal schauen, ob es sich hält.






Montag, 12. Mai 2014

Carson McCullers / Die Autobiographie (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Die Autobiografie hat mir sehr gut gefallen.
Carsons Herz war oft einsam, und es war ein unermüdlicher Jäger auf der Suche nach Menschen, denen sie es anbieten konnte; aber es war ein Herz, das mit einem Licht gesegnet war, das seine Schatten überstrahlte.
Ein so schönes Bild schon gleich auf der ersten Seite der Einleitung, geschrieben von Tennessee Williams, ein amerikanischer Autor und Freund von Carson McCullers, hat es mir angetan.

Diese Metapher passt zu allen Romanfiguren, die McCullers in ihren Büchern, die ich bisher von ihr gelesen habe, auftreten, doch hauptsächlich passend ist sie zu den Figuren aus Das Herz ist ein einsamer Jäger.

Obwohl die Autorin jede Menge FreundInnen hatte, fällt es mir ein wenig schwer zu glauben, dass sie innerlich einsam war. Viele KünstlerInnen und bekannte AutorInnen zählten zu ihrem Kontakten- und Freundeskreis. Auch kommt sie aus einer Familie, in der sie gut aufgehoben war und in der sie geliebt wurde.

Aus der Einleitung geht allerdings hervor, dass C. McC. zu früh literarischen Erfolg hatte, für den sie psychisch noch nicht reif genug gewesen sei, und die innere Einsamkeit dadurch erklärbar machen könnte. Mit 23 Jahren bringt sie ihr erstes Buch mit dem Titel Das Herz ist ein einsamer Jäger heraus, und sorgt damit für Furore und große Anerkennung. Des Weiteren brachte sie für junge Talente einen Buchband heraus mit vielen Ratschlägen, wie man den frühen Erfolg bestmöglich verarbeiten kann.

Die Mutter der Autorin wusste schon, dass ihr Töchterchen es einmal zu etwas ganz Großem bringen würde. Ein Genie in der Familie und das war C. McC. tatsächlich. Eigentlich hätte sie Pianistin werden sollen. Mit neun Jahren bekommt sie ein Piano geschenkt, auf dem sie ihre ersten Stücke selbst komponierte, ohne vorher Unterricht erhalten zu haben. Aber das Schicksal hatte etwas ganz Anderes mit ihr vor. Dadurch, dass Carson als Kind viel krank war, musste sie ihr Ziel als Pianistin wieder aufgeben und begab sich in die Welt der Dichter und Schriftsteller ... C. McC. war eine so tolle Persönlichkeit, die leider nicht alt werden durfte. Mit Anfang fünfzig ist sie an ihrem vierten Schlaganfall gestorben. Den ersten Schlaganfall erlitt sie in ihrer Kindheit völlig unbemerkt. Ihr wurde von den Symptomen her das chronische rheumatische Fieber diagnostiziert, das sich später, nach vielen Jahren, als falsch erwies. Der erste Schlaganfall wurde erst viele Jahre später, als sie schon erwachsen war, erkannt.

C. McC. war ein durch und durch gütiger und lebensbejahender Mensch. Trotz ihrer körperlichen Einschränkungen hatte sie dennoch ein bewegtes Leben. Und keinesfalls ist sie an der Schwere ihrer Erkrankung in Depressionen verfallen. Ein Bein musste amputiert werden, und sie hatte trotzdem nicht den Lebensmut verloren. Ich weiß nicht, ob ich das könnte. Sie wäre mir ein Vorbild.

Nach dem vierten Schlaganfall lag sie für mehrere Wochen im Koma, als sie dann schließlich starb.

Die Einleitung fand ich nicht sehr gut, denn viele Infos tauchten doppelt und dreifach auf.  C. McC. hat über ihr Leben so klar und deutlich geschrieben, dass ich auch ohne die Einleitung ausgekommen wäre. 
Die Klappentexte sind ja oftmals schon zu ausführlich. Ein bisschen sollte man den LeserInnen schon auch zumuten dürfen.

Wie hat die Autorin ihren Erfolg als Schriftstellerin gefeiert bzw. aufgenommen? Interessant fand ich, dass sie keine Rezensionen zu ihren Büchern gelesen hat.
Ich lese meine Rezensionen nie. Wenn sie gut sind, können sie mir zu Kopf steigen, und wenn sie schlecht sind, würden sie mich nur deprimieren. Also lasse ich es. Aber natürlich sickern durch Freunde Informationen zu mir durch, die mir eine ziemlich genaue Vorstellung davon geben, wie die Sache steht. (90f)
Eine Episode zwischen der Sekretärin und ihr brachte mich zum Schmunzeln. C. McC. war durch ihre Krankheiten auf eine Sekretärin angewiesen. Sie hatte durch ihren Schlaganfall ein recht schlechtes Sehvermögen. Sie diktierte der Sekretärin ihre Skripte. Über manche Szenen musste die Autorin selber auch lachen und wunderte sich, dass ihre Schreibhilfe so gar keinen Sinn für Humor besaß:
Mein guter Freund William Meyer fand eine Psychiatrieschwester, die mir mit dem Manuskript half, und als ich nach Hause durfte, besorgte ich mir eine Sekretärin, die das Skript tippen sollte. Das machte großen Spaß - das einzige Problem war, dass die Sekretärin keinen Sinn für Humor hatte, und wenn ich lachen musste, musste ich allein lachen, was ein bisschen gespenstisch ist, wie ich sagen muss.>>Finden Sie das nicht lustig?<< fragte ich sie gelegentlich.>>Nein<<, antwortete sie. Ich lachte also allein weiter. (101f)
Die Autorin war nicht nur Schriftstellerin, sie war auch mehr oder weniger politisch aktiv.
Wie man schon aus ihren Werken weiß, setzte sie sich schon früh gegen den Rassismus ein. Auch ihr  kleinerer Bruder Lamar Smith litt fürchterlich unter der Diskriminierung schwarzer Menschen. Die Kinder beobachteten eine Begebenheit zwischen ihrem sehr jungen farbigen Kindermädchen und einem Taxifahrer. Lucille hatte sich ein Taxi bestellt …
Mein Bruder und ich beobachteten, wie sie aus dem Haus kam und der Taxifahrer sich weigerte, sie zu fahren.
>>> Ich fahre keine verdammten Neger<<, schnaubte er. Lamar, der Lucilles Verlegenheit sah und die Hässlichkeit dieser ganzen Ungerechtigkeiten fühlte, rannte unter das Haus. (Ich muss dazu erklären, dass der Raum unter dem Haus fast wie ein eigenes Zimmer ist.) Mein Bruder weinte unter dem Haus, aber ich war außer mir vor Wut und schrie den Taxifahrer an: >>Sie böser, böser Mann.<< Dann kroch ich zu meinem Bruder, und wir hielten uns an den Händen, um uns zu trösten, weil es nichts, nichts anderes gab, was wir tun konnten. Lucille musste eine gute Meile zu Fuß nach Hause gehen. (122)
Mich wundert das immer wieder, dass es Menschen gibt, die über eine so große Sensibilität verfügen, mit der sie die Ungerechtigkeiten benachteiligter Menschengruppen wahrzunehmen in der Lage sind, während die meisten Menschen die Diskriminierungen als gegeben hinnehmen und sich dem ungefragt und unreflektiert anpassen, statt sich zu widersetzen. Wobei die Eltern hierbei als Vorbild fungieren. 

Und nun ein wenig etwas zur Literatur, die die Autorin bevorzugte.
Die meisten Bücher, die in der Autobiografie vorgestellt wurden, waren mir selbst bekannt. Sie hat Marcel Proust gelesen, F. Dostojewski, Leo Tolstoi und natürlich als Amerikanerin jede Menge amerikanische AutorInnen, wie z. B. Henry James, F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway, etc. so wie auch die Engländerin Virginia Woolf. Mit Virginia Woolf konnte C. McC. allerdings nicht wirklich warm werden.
Ich selbst bin völlig blind in Bezug auf Virginia Woolf. So sehr ich mich auch bemühe, ich kann mich einfach nicht wirklich für sie interessieren. Das ist insofern merkwürdig, als nicht nur viele meiner Freunde Virginia Woolf schlichtweg vergöttern, sondern ich viele Mitglieder des >>Bloomsbury Set<< persönlich kenne.
Man kann ja nicht jeden berühmten Schriftsteller mögen. Mir ging es mit Marcel Proust ähnlich. Ich  war auch um ihn so sehr bemüht und habe bisher nicht mehr als vier Bände von ihm zu lesen geschafft. Virginia Woolf dagegen ist mir von ihrem inneren Naturell eher vertraut.

Allerdings ist Vrginia Woolf im Gegensatz zu mir, wie ich aus ihrer Autobiografie entnehmen konnte, von Marcel Proust mehr als angetan gewesen. 

Interessant fand ich, wie C. McC. den Buchband von Dostojewski Der Idiot bewertete:
Das Buch hat eine wundervolle Groschen Roman-Qualität. Man wird einfach von einer unglaublichen Szene zur nächsten unglaublichen Szene weiter gerissen.(128)
Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, den Band von Dostojewski als Groschenroman abzutun. Ehrlich gesagt ist mir Dostojewski ein wenig zu anstrengend und sehr langatmig. Mein Fall ist Dostojewski nicht.

Beeindruckend fand ich die Beziehung zu ihrem Gatten James Reeves McCullers jun. Ihr erster intimer Freund. Sie bekam recht früh einen Heiratsantrag gemacht und Carson wollte, um Reeves besser kennenzulernen, noch vor der Ehe Sex haben. Sie fragte ihre Mutter, was Sex sei. Die Mutter war sehr verlegen, zog sie sanft zu sich heran und sprach;
Schatz, Sex ist, wenn man sich auf etwas draufsetzt. (Kaputt lach)
C. McC. war genauso schlau wie vorher auch und suchte Bibliotheken auf,  um sich über Bücher aufzuklären. Doch die damalige Literatur eignete sich zur sexuellen Aufklärung genauso wenig ...
Sie verständigte ihre Eltern, dass sie mit Reeves schlafen werde. Die Eltern hatten das akzeptiert. Sie unterstützen ihr Kind in allen Lebenslagen, was es sich vornahm. Die Liebe zwischen den Eltern und der ältesten Tochter war ganz deutlich zu spüren.

Obwohl so viel Liebe zwischen Reeves und C. McC. bestand, musste die Ehe scheitern. Die vielen Depeschen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, dem ist ein eigenes langes Kapitel im Buch >>Kriegsbriefe<< gewidmet, bezeugten diese Kriegsbriefe die Liebe füreinander. Reeves war in Europa als Soldat stationiert. Er überlebte zwar den Krieg, aber nicht seine psychischen Leiden. Leider war Reeves schwer depressiv, der sich zusammen mit Carson das Leben nehmen wollte. Er versuchte, seine Frau zu erwürgen. Carson war entsetzt und zog sich von ihm zurück und ließ sich sogar scheiden. Schade. Beide genossen einen regen literarischen Austausch. Sie las ihm ihre Werke vor, von denen Reeves hellauf begeistert war und sich dadurch inspiriert gefühlt hatte, selbst auch mit dem kreativen Schreiben zu beginnen.

Carson fragte ihn, ob er das Werk Das Herz ist ein einsamer Jäger gut finden würde, so antwortete er:

Ob ich das gut finde? Nein, ich finde das nicht gut, ich finde das großartig.

Ich beende nun hier meine Aufzeichnungen.

Mein Fazit

Carson McCullers kommt mir ein wenig seelenverwandt vor. Ihre Bücher könnte ich sinnbildlich betrachtet mit geschlossenen Augen lesen. Ich könnte sie trotzdem noch gut verstehen. Deshalb bin ich motiviert, die restlichen anderen Bände von ihr auch noch zu lesen. Carson McCullers zählt zu meinen absoluten Favoriten.
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Wie können die Toten wirklich tot sein, solange sie noch durch unser Herz wandern?
(C. McCullers zitiert aus einer alten Indianerlegende).

Gelesene Bücher 2014: 33
Gelesene Bücher 2013: 81
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Samstag, 10. Mai 2014

Carson McCullers / Die Autobiographie

Klappentext
»Ich wurde über Nacht zu einer etablierten literarischen Persönlichkeit, und ich war viel zu jung, um zu verstehen, was da mit mir geschah oder welche Verantwortung damit verbunden war. Ich muss unerträglich gewesen sein.« In ihren Memoiren, die sie nicht mehr vollenden konnte, schaut Carson McCullers zurück auf ihr liebevolles Elternhaus in Georgia, ihre ersten Schreibversuche, ihre turbulente Ehe, ihre Freundschaften mit Tennessee Williams, Karen Blixen, Elizabeth Bowen, Edith Sitwell und Marilyn Monroe – und nicht zuletzt auf ihre Krankheiten, die ihr Leben beeinträchtigten und weit vor der Zeit beendeten. Der Band enthält außerdem das Exposé zu ihrem Romandebüt und den Briefwechsel mit ihrem Mann Reeves McCullers aus den Jahren 1944 und 1945.


Autorenporträt

Carson McCullers, geboren 1917 in Columbus (Georgia), gestorben 1967 in Nyack (New York), dort begraben. McCullers wollte eigentlich Pianistin werden. Mit 500 Dollar fuhr sie 18-jährig alleine nach New York, um an der renommierten Juilliard-Musikschule zu studieren. Das Geld verschwand auf mysteriöse Weise, doch sie blieb in New York, arbeitete als Sekretärin, Kellnerin, Barpianistin und beschloss, Schriftstellerin zu werden. Der Erfolg ihres Erstlings, ›Das Herz ist ein einsamer Jäger‹, machte die 23-Jährige zum literarischen ›Wunderkind‹. Mit 23 erlitt sie den ersten von drei Schlaganfällen, ihr Leben wurde bestimmt durch die Krankheit, der sie ihr Werk abrang, und durch Einsamkeit, besonders nach dem Selbstmord ihres Mannes 1953.

Carson McCullers zählt zu meinen LieblingsautorInnen. Ich habe vor, nach und nach alle ihre Werke zu lesen.

Das Herz ist ein einsamer Jäger und Die Uhr ohne Zeiger habe ich gelesen und beide Bände haben mir sehr gut gefallen.

Freue mich nun auf die Autobiografie, aus der hervorgeht, dass die Autorin in ihrem Leben zwischen der Realität und Fiktion wandelte.
Carsons Herz war oft einsam, und es war ein unermüdlicher Jäger auf der Suche nach Menschen, denen sie es anbieten konnte; aber es war ein Herz, das mit einem Licht gesegnet war, das seine Schatten überstrahlte. 
Ein total schönes Bild, ein Zitat schon gleich auf der ersten Seite, das ich mir unbedingt herausschreiben musste.






Freitag, 9. Mai 2014

Steinunn Jóhannesdóttir / Das sechste Siegel (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch hat mir recht gut gefallen. Ich war erstaunt zu lesen, dass man im 16. / 17. Jhrd. Menschen aus dem hohen Norden auch zu Sklaven gemacht hat. Bekannt ist der Sklavenhandel zwischen  den Amerikanern und den Schwarzafrikanern.

Im hiesigen Buch wurde hauptsächlich mit den Isländern Menschenhandel betrieben. Man hatte die Insel dieser Menschen ausgeplündert. Die Menschen wurden von den Arabern nach Algier verschleppt. Kontinental nach unten betrachtet befindet sich dieser Menschenhandel fast am Ende des Globus. Die Isländer waren demnach extrem hohen Temperaturen ausgesetzt und erlitten einen Kulturschock. Ganz zu schweigen von dem Verlust ihrer Menschenwürde in jeder Hinsicht.

Die Menschen waren vier Wochen mit dem Schiff unterwegs. Algier  war eine recht reiche Stadt, umgeben von vielen Palästen. Erstaunlich, wenn man bedenkt, woher der Reichtum kam. Hauptsächlich durch den Menschenhandel und durch die Haltung von Sklaven auch im privaten Sektor. Die Sklaven mussten durch die Hölle gehen. Wenn mich einer fragen würde, ob ich nach dem Tod an die Hölle glaube, dann würde ich antworten, die Hölle ist nicht im Himmel, sie ist hier auf Erden. Macht euch die Erde Untertan. So waren oder sind noch immer die Starken die Götter auf Erden.

Man vermutete, dass die Isländer aus dem Grunde ausgeplündert wurden, weil sie in ihrer Existenz nicht gefestigt waren. Ihr Lebensstandard war geprägt von einfachsten Mitteln. Teilweise lebten viele noch in "Höhlen". Die Araber bezeichneten die Isländer als ein primitives Volk.
Jón Jónsson sagte, er kenne die Gründe für den Raubzug nach Island nicht genau, aber er könne sich am ehesten noch vorstellen, dass sie davon gehört hätten, wie schutzlos und wenig gefestigt das Land sei. (142)
Die Isländer waren sehr gläubige Leute. Sie richteten ihr Leben nach Luther aus. Ihr "sündiges Verhalten" bezeichneten viele Isländer als Strafe Gottes. 
„Und abgesehen davon, (…) haben die Isländer mit ihrem sündigen Lebenswandel und ihrer weitverbreiteten Sittenlosigkeit wohl selbst den Zorn Gottes auf sich herabbeschworen." Die Sklaverei wäre wahrscheinlich nichts anderes als eine verdiente Strafe für ihre Sünden. Die Geißel Gottes! (142)
Der Buchtitel, Das sechste Siegel, ist auch religiös zu deuten ...

Zur Erinnerung gebe ich noch einmal den Klappentext rein:
Island 1627: Auf den grünen Westmänner-Inseln leben gottesfürchtige Menschen, einfache Fischer und Bauern. Als eines Nachts algerische Freibeuter einfallen, mordend, plündernd und brandschatzend über die Insel ziehen und 252 Menschen verschleppen - Männer, Frauen und Kinder - glauben die Leute zunächst an ein apokalyptisches Strafgericht. Starr vor Entsetzen müssen sie erleben, wie sie nach einer qualvollen Reise über den Atlantik auf dem Sklavenmarkt von Algier verkauft werden. Die junge, hübsche Gudríd muss im Hause des Dey von Algier härteste Sklavenarbeit leisten, wird geschlagen und missbraucht. Doch sie kämpft entschlossen darum, ihren Sohn bei sich zu behalten und vor den fremden Einflüssen zu bewahren. Nach neun endlosen Jahren gibt es wieder Hoffnung: Ein holländischer Kaufmann ist in Algier aufgetaucht. Es heißt, er kaufe im Auftrag des dänischen Königs Sklaven frei. Gudríd schöpft neuen Mut ...
Ein Mensch ist ja nicht nur schlecht, er trägt auch Gutes in sich. Auch wenn man es nicht glauben möchte. Die Erfahrung hat zumindest die Protagonistin Gudrid gemacht.
Der Mann, der sie misshandelt und ihr solche Schande angetan hatte, der sie von ihrem Jungen getrennt hatte, brachte ihn ihr jetzt zurück! Wie konnte ein so schlechter Mensch noch so gut sein? (46)
Gudrid war eine sehr gläubige Persönlichkeit. Ihre Nöte als Sklavin überstand sie größtenteils mithilfe ihrer Religion. Es gab eine andere Landsmännin, Anna, die es geschafft hat, aus ihrer Sklaverei auszubrechen, indem sie ihren Herren geheiratet hat und dessen arabischen Lebenswandel anzunehmen wusste. Anna wurde eine reiche Frau und hielt ebenso Sklaven. Sie war mit Gudrid bekannt, und Gudrid haderte mit sich und kämpfte gegen destruktive Gefühle an, auf Anna nicht neidisch zu sein. Sie tröstete sich mit folgendem Gedanken:
Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt? (233)
Ich finde dieses Zitat sehr schön.

Mein Fazit:

Aus dem Anhang war zu entnehmen, dass sich die Ereignisse tatsächlich so abgespielt hatten, wie sie im Buch geschildert wurden. Ebenso existierten die Personen. Die Autorin hatte lediglich die Namen geändert und ein wenig an den Charakteren gefeilt.

Das Buch ist sehr authentisch geschrieben und ich finde es richtig schade, dass es auf dem Büchermarkt nur noch antiquarisch zu erwerben ist.

Das Buch erhält von mir zehn von zehn Punkten. Allerdings gibt es in dem Buch ein paar gravierende Druckfehler. Die stören mich aber nicht sonderlich.
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Wie können die Toten wirklich tot sein, solange sie noch durch unser Herz wandern?
(C. McCullers zitiert aus einer alten Indianerlegende).

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Montag, 5. Mai 2014

Steinunn Jóhannesdóttir / Das sechste Siegel

Klappentext

Island 1627: Auf den grünen Westmänner-Inseln leben gottesfürchtige Menschen, einfache Fischer und Bauern. Als eines Nachts algerische Freibeuter einfallen, mordend, plündernd und brandschatzend über die Insel ziehen und 252 Menschen verschleppen - Männer, Frauen und Kinder - glauben die Leute zunächst an ein apokalyptisches Strafgericht. Starr vor Entsetzen müssen sie erleben, wie sie nach einer qualvollen Reise über den Atlantik auf dem Sklavenmarkt von Algier verkauft werden. Die junge, hübsche Gudríd muss im Hause des Dey von Algier härteste Sklavenarbeit leisten, wird geschlagen und missbraucht. Doch sie kämpft entschlossen darum, ihren Sohn bei sich zu behalten und vor den fremden Einflüssen zu bewahren. Nach neun endlosen Jahren gibt es wieder Hoffnung: Ein holländischer Kaufmann ist in Algier aufgetaucht. Es heißt, er kaufe im Auftrag des dänischen Königs Sklaven frei. Gudríd schöpft neuen Mut ...


Autorenporträt

Steinunn Jóhannesdóttir
geboren 1948 in Akranes, Island, arbeitet als Regisseurin, Journalistin und Autorin in Reykjavík. Sie veröffenlichte neben mehreren Theaterstücke auch Kinderbücher, Biografien und Kurzgeschichte und legte nach sechsjähriger Recherchearbeit den auf historischen Geschehnissen basierenden Roman „Das sechste Siegel“ vor.
Das Buch habe ich antiquarisch im Bücher Oxfam erworben. Es ist eine ältere Ausgabe und wurde nicht wieder neu aufgelegt. Man kann es also im Buchhandel neu nicht mehr käuflich erwerben.

Ich habe die ersten einhundert Seiten probegelesen und es gefällt mir sehr gut.

Bin neugierig, wie es weitergeht und wie das Buch enden wird.





Sonntag, 4. Mai 2014

Adalet Agaouglu / Sich hinlegen und sterben (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Der Titel des Buches, Sich hinlegen und sterben, kam mir ein wenig naiv und absurd vor. Ich glaube, ich hätte sicher ein anderes Symbol gewählt, wenn ich die Trägheit des gesellschaftlichen und des politischen Lebens ausdrücken wollte.
Das hat mir nicht wirklich gefallen.

Die Romanheldin in dem Buch ist Aysel, und sie schildert in der Retrospektive recht einleuchtend die gesellschaftlichen Probleme ihrer Zeit. Hauptsächlich die Zeit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, im Zweiten Weltkrieg und bis zur Gegenwart.

Ich hatte Probleme mir vorzustellen, wie eine gesunde Frau ein Hotelzimmer mietet, um sich nackt ins Bett zu legen und auf den Tod wartet. Da kann man ja lange auf ihn warten.
Während dieser Zeit, wie oben schon gesagt, macht die Erzählerin eine mentale Zeitreise in die Vergangenheit und man erfährt dabei viele politische und gesellschaftliche Ereignisse ihres Landes.

Das Buch hat mich andererseits sehr bereichert, denn so konnte ich besser verstehen, weshalb das Land noch heute in ihrer gesellschaftlichen Entwicklung zwischen Orient und Okzident gespalten ist.

Ich gebe zur Erinnerung noch einmal den Klappentext rein:
Die Dozentin Aysel steckt in einer privaten Lebenskrise und zieht sich, zum Sterben entschlossen, in ein Hotelzimmer zurück. Denn der Konflikt zwischen gesellschaftlichen Pflichten und ihren eigenen Bedürfnissen spitzt sich zu und zwingt sie zu dieser Entscheidung. Ihren Tod vor Augen lässt sie noch einmal ihr Leben Revue passieren, erinnert sich an ihre Schulzeit in der anatolischen Provinz und die Universitätsjahre in Ankara. Sie selbst gehörte zu der kleinen Schar von Jungen und Mädchen, den Kindern der Republik, die der Lehrer Dündar nach seinen kemalistischen Idealen zu einer pflichtbewussten »Armee des Wissens« erziehen wollte. Ihm hat sie, die Krämerstochter, es zu verdanken, dass sie studieren durfte. Heute aber will sie nur noch aus ihren eintönigen Verhältnissen ausbrechen und beginnt eine Beziehung zu einem ihrer Studenten. Einen Abend nur hatte sie ungezwungen und pflichtvergessen mit ihm verbracht, nun spürt sie neues Leben in sich keimen. Soll sie die Herausforderung annehmen?
Aus dem Anhang geht hervor, dass der Roman autobiografisch gefärbt ist.

Interessant fand ich die politischen und gesellschaftlichen Ideen des ehemaligen Staatschefs Mustafa Kemal Atatürk, der Begründer der Modernen Republik in der Türkei. Er war bis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg der Vater der Nation. Er trennte Staat und Kirche strikt voneinander. Er starb Ende 1938. Atatürk zählt noch heute für viele TürkInnen als der Lehrer und gilt noch heute für viele als das Vorbild.
Viele andere BürgerInnen dagegen himmeln eher Politiker an, die sich gegen Atatürk stellen und für das Festhalten an Traditionen stehen. Ein gespaltenes Land, so wie der türkische Gegenwartsautor Orhan Pamuk es in seinen Büchern schon beschrieben hat. Pamuk ist eine Generation jünger als die Autorin. Demnach gehe ich davon aus, dass die geschilderten Probleme vielleicht in abgeschwächter Form in der Türkei noch immer vorhanden sind.

Mithilfe der Autorin konnte ich Pamuk nun noch besser verstehen.

Man kann also nicht sagen, dass die Türkei in ihren Traditionen feststeckt und dadurch rückständig ist. Und man kann auch nicht sagen, dass alle türkischen Frauen in ihrem Land Kopftücher tragen. Es gibt sowohl Kopftuchträgerinnen, als auch die, ohne Kopftuch. Es gibt TürkInnen, die leben westlich orientiert. Andere eben nicht. Viele Facetten in einem Land.
Erstaunlich fand ich, dass viele Kinder während ihrer Schulzeit erzogen werden, für das Vaterland zu stehen, und sie werden darauf vorbereitet, im schlimmsten Fall ihr Leben für die Nation zu opfern. (24). Ob das heute noch so ist, konnte ich aus dem Kontext nicht herauslesen. In den anderen arabischen Ländern könnte, mit Ausnahme von Persien / Iran, ich mir das vorstellen. Aber die Türkei ist kein reines arabisches Land, schon allein auch geografisch gesehen.
Wir setzen unsere Mützen auf, wenn wir zur Schule gehen. Ohnehin hat unser unsterblicher Atatürk gewünscht, dass wir aufgeklärt und zivilisiert sein sollen. Was würde einer meiner hiesigen Lehrer wohl gesagt haben, wenn er mich dort im Sommer mit Kopftuch hätte herumlaufen sehen? (94)
Aysels Eltern schickten zwar ihr Mädchen zur Schule, aber sie waren in ihrer Erziehung nicht eindeutig frei. Mal befürworteten sie das Moderne, dann wieder das Traditionelle. Aysel musste immer Gefahr laufen, dass sie von den Eltern von der höheren Schule vorzeitig abgemeldet werden würde, um auf das Leben als Ehefrau und Mutter vorbereitet zu werden.

Selbst die Schüler waren in sich zerrissen. Mal kritisierten sie die Mädchen, wenn sie sich nicht ausreichend modern zeigten, und zogen sie mit ihren Blicken herab, wenn Mädchen nach der Schule von Haus aus wieder ein Kopftuch tragen mussten oder wenn ihre Haare zu lang sind. Auch diese Vorstellung, eine moderne Frau trägt kurze Haare, das war auch im Deutschland des Zweiten Weltkrieges noch nicht mal der Fall, erschien mir ein wenig absurd.
Vor meiner Lehrerin, die Geschichte unterrichtet, habe ich große Angst. Sie ist sehr streng und sagt, ich sei sehr hässlich gekleidet. Sie will, dass ich mir meine Haare wie ein Mädchen aus dem Westen schneiden und mir einen Bubikopf machen lassen. Doch so etwas will mein Vater nicht einmal hören. (132)
Was sind neben der Demokratie die Maßstäbe einer modernen Gesellschaft? Hier wird die westliche Welt m. E. total unkritisch idealisiert. 
Ich finde, dass auch viele LehrerInnen keine Ahnung hatten von der modernen Lebensweise und wussten nicht, wie man diese Werte an jungen Menschen heranreicht. Sie versuchten Atatürk zwar nachzuahmen, aber ohne wirklich verstanden zu haben, was er unter der Moderne verstand. Man bestimmt das moderne Verhalten nicht, man hat das nicht dem Kind aufzudrängen, sondern man lebt es ihnen vor. Das ist meine pädagogische Sichtweise. Eine gesellschaftliche Entwicklung vollzieht sich größtenteils im Stillen eines Menschen. Das Kind ahmt den Erwachsenen nach …

Zeigte sich ein Mädchen dagegen modern, dann wurde es von dem Jungen, der sie gestern noch als traditionell herabgesetzt hatte, erneut kritisiert, da die moderne Lebensweise sich nicht für ein türkisches Mädchen ziemen würde.
Ganz schön anstrengend für Menschen, die in so einer Zerrissenheit groß werden müssen. Sowohl für die Jungen als auch für die Mädchen ... 
Kann sich die Hälfte einer Nation zum Himmel aufschwingen, wenn die andere Hälfte am Boden angekettet bleibt? Die Erfolglosigkeit unserer Nation geht auf dem schuldhaften Verhalten gegen unsere Frauen hervor. (130)
Eine schöne Metapher ...

Laut Atatürk:
Unsere Frauen müssen gebildeter, wissender und wacher sein als unsere Männer. Sie sind dazu verpflichtet, wenn sie wahrhaftig die Mütter dieser Nation sein wollen. Nur wenn eine Frau wirklich frei ist, kann auch der Mann frei sein. (128)
Aysel hat in der Schule heimlich den französischen Reformpädagogen Jean Jacques Rousseau gelesen. Sie wurde von ihrer Lehrerin dabei erwischt. Die Lehrerin nahm ihr das Buch ab, und gab es ihr nicht wieder zurück, obwohl das Buch Eigentum der öffentlichen Bibliothek war. Die Lehrerin zeigte sich beleidigt, dass Aysel sie nicht um Rat gefragt hatte, welche Bücher sie lesen könne? Aysel suchte aus dem Grund nicht den Rat der Lehrerin auf, weil sie sicher war, dass die Lehrerin ihr nur Literatur empfehlen würde, die allein für die Frau bestimmt ist. Stricken, Nähen, Kochen, etc.

Aysel kämpft sich durch ihre Kindheit und ihre Schulzeit hindurch. Sie entschied sich für einen Lebensweg, der für ein Mädchen ihres damaligen Alters nicht sehr leicht war. Selbst als Frau und Dozentin war sie keine gewöhnliche Frau und man bekommt sehr leicht diese Überdrüssigkeit des gesellschaftlichen Lebens mit, unter der sie so sehr litt.

Wer mehr wissen möchte, so empfehle ich das Buch, selbst zu lesen.

Mein Fazit

Ich bekomme hierzulande immer wieder mit, wenn Frauen aus anderen Kulturkreisen mit schweren Urteilen konfrontiert werden. Oder wenn deutsche Politiker mit einem moralischen Zeigefinger diese Länder politisch bereisen. Denke gerade an die jüngste Vergangenheit zwischen unserem Bundespräsidenten Joachim Gauck mit dem türkischen Premier Erdogan. Erdogan verachtet wegen der modernen Lebensansichten sogar seinen Landsmann Atatürk, wie kann Gauck als Ausländer denn erwarten, er könne Erdogan von seinen Ideen moralisch überzeugen? 
Mit einer VON-OBEN-HERAB-MENTALITÄT á la ICH WEIß WAS RICHTIG IST wird man im Ausland schwer etwas bewegen können.
Vorurteile gegenüber anderen Menschen ist für mich die größte Sünde überhaupt. Zum Beispiel wenn wir eine Muslimin mit einem Kopftuch sehen, dann wissen wir nichts von dieser Frau, außer, dass sie ein Kopftuch trägt. Sie als rückständig abzukanzeln wäre für mich ein hartes Urteil. Ich fühle mich durch das Buch in meiner Denkweise bestätigt.

Selbst muslimische Frauen, die an ihren Traditionen festhalten, haben Respekt verdient, da sie ihre Gründe für ihr Verhalten haben, es sei denn, sie schaden einem anderen Menschen mit ihren Vorstellungen. Es ist gar nicht so einfach, aus einem System, das sich Familie nennt, auszubrechen, da die Familie an einem anderen System, Gesellschaft und Politik, gekoppelt ist. Die Angst vor Ausgrenzung ist bei jedem sehr groß und nicht jeder hat diese Kraft, dagegen anzugehen.

Auch wir, Angehörige der westlichen Welt, tun größtenteils nichts anderes, als uns den gesellschaftlichen Zwängen und Erwartungen anzupassen. So stellt sich mir die Frage, ob wir wirklich so frei sind, wie manche außereuropäische Länder von uns glauben möchten?
Auch bei uns ist fraglich, wie z.B. Demokratie gelebt wird.
Dadurch, dass bei uns der Staat strikt von der Kirche getrennt ist (Laizismus), sind wir mit Problemen, wie sie oben geschildert werden, nicht in den Maßen konfrontiert, wobei viele Christen hierzulande christlich wählen gehen und meinen damit die CDU.
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Was heißt Sterben? Sterben erfordert zu wissen, dass man gelebt hat.
(A. Agaoglu)

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