Sonntag, 2. Juli 2017

Erik Neutsch / Spur der Steine



Lesen mit Anne


Diesmal lesen Anne und ich ein Buch, das nicht auf der Bestsellerbücherliste steht. Aber manchmal ist es gut, mal nach solch einem Buch zu greifen. Einen DDR-Klassiker, der durch Anne zu mir eingezogen ist. Anne hatte davon zwei Exemplare.

Auf den ersten Seiten wurde ich ein wenig ungehalten. Die Themen schienen für mich erst zu männerlastig zu sein, aber mittlerweile gefällt es mir sehr gut. Der Schreibstil ist genial. Spitzfindig, fantasievoll und sehr gesellschaftskritisch. Ich befinde mich derzeit auf der Seite 150.  

Ich werde die Buchbesprechung später hier in der Buchvorstellung anreihen. Es ist ein sehr dickes Buch, für das ich lange brauchen werde. Habe dafür vor, die Buchbesprechung nicht so sehr in die Länge zu ziehen. Werde lediglich die Diskussionsergebnisse zwischen Anne und mir festhalten.

Klappentext
In dem großangelegten Roman wird ein eindrucksvolles Bild von der Aufbruchzeit im Osten Deutschlands entworfen. Erzählt wird die Geschichte eines Rebellen, die des Zimmermanns Hannes Balla, der wie ein Glückssucher durchs Land zieht und alles an sich bindet, was ihm begegnet: Geld, Frauen, Macht – und der alles abwehrt, was sein Leben stören könnte: Recht und Ordnung und selbst die großen Gefühle wie eine aufkeimende Liebe.Balla wird zum Urtyp von Menschen im Aufbruch, die vor allem den Herrschenden nicht geheuer sind.

Autorenporträt
Erik Neutsch, geboren am 21. Juni 1931 in Schönebeck an der Elbe als Sohn eines Arbeiters, studierte von 1950-1953 Gesellschaftswissenschaften, Philosophie und Publizistik. 1953-1960 Journalist bei der »Freiheit« in Halle. Seit 1960 freischaffender Schriftsteller. 1974-1990 Mitglied der Akademie der Künste der DDR. Weitere Werke: »Bitterfelder Geschichten« (1961), »Auf der Suche nach Gatt« (1973), »Am Fluß« (1974), »Frühling mit Gewalt« (1978), »Wenn Feuer verlöschen« (1985), »Nahe der Grenze« (1987), »Totschlag« (1994), »Forster in Paris« (1994), »Verdämmerung« (2003).

Weitere Informationen zu dem Buch

Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) , 1966
950 Seiten.

Buchbesprechung, 14.07.2017

Für das Buch habe ich zehn Tage gebraucht. Eigentlich hebe ich mir solche dicken Bücher immer für meine Urlaubszeit auf, aber diesmal musste ich eine Ausnahme machen, da ich mehr dicke Bücher besitze, als ich Urlaub habe. Allerdings ist es dem wahnsinnig guten Schreibstil des Autors zu verdanken, dass ich gut durchhalten konnte. 
Mit Anne, die morgen mit dem Buch durch sein wird, habe ich schon mehrmals telefoniert, um über das Buch zu sprechen. Eigentlich bin ich, was die gesellschaftliche und politische Lebensweisen der ehemaligen DDR betreffen, nicht so bewandert, wie Anne es ist, die aus der ehemaligen DDR kommt und sie somit einen ganz anderen Background mitbringt als ich es tue. Auch ist sie dadurch anders sensibilisiert als ich.  

Die Themen bleiben für mich weiterhin ein wenig männerlastig, aber die zusätzliche Liebesgeschichte peppt den Roman noch etwas auf. Wobei ich Liebesgeschichten nicht so gerne lese, aber hier war sie mir eine willkommene Abwechslung. Selbst die Liebe wurde in der ehemaligen DDR anders gelebt als bei uns im Westen. Die Vorgaben waren hier recht rigide und nicht so frei wie im Westen. Wobei es auch im Westen damals unüblich war, ein uneheliches Kind auf die Welt zu bringen, aber man wurde deswegen gesellschaftlich nicht angeprangert. Leider verrät der Autor uns nicht, zu welcher Zeit sich die Handlungen abspielen. 

Anne und ich wollten uns dann über die Kommentar-Funktion hier im Blog austauschen, da sie selbst keinen Blog mehr besitzt. Leider hat sie aus persönlichen Gründen, die für mich nachvollziehbar sind, ihren Literaturblog geschlossen, sodass eine Verlinkung zwischen uns beiden nicht mehr möglich ist, weshalb nun unser Austausch über die Kommentarfunktion getätigt wird. 

Meine Bewertung zu dem Buch? 


2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein

12 von zwölf Punkten.
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Gelesene Bücher 2017: 28
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86




Kommentare:

  1. Ich freue mich, dass wir das Buch gemeinsam lesen, Mira. Ich bin jetzt auf Seite 245 und mir gefällt es immer noch sehr gut. Ich hatte ein bisschen die Befürchtung, dass mich das Buch heute nicht mehr so packt, wie damals. Aber ganz im Gegenteil: Ich lese mit Spannung.

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  2. Moin, liebe Anne,
    Ich lese auch mit Spannung, bin gerade auf der Seite 420. Freue mich sehr, dass mich diese DDR-Lektüre doch noch gepackt hat. Mein erstes Buch über die damalige DDR. Bin neugierig, wie es weitergeht und freue mich auf das Wochenende, wo ich häufig hundert Seiten am Tag schaffe, manchmal sogar noch mehr. War schön heute, mit dir telefoniert zu haben und wir über das Buch gesprochen haben.
    LG, Mira

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  3. Vorab schon mal, liebe Mirella: Es freut mich unheimlich, dass das Buch von Dir die volle Punktzahl bekommen hat.
    Nach meinen Recherchen müsste die Geschichte so Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre spielen. Die Frauen mussten mitarbeiten, daher gab es schon frühzeitig Kindergrippen und Kindergärten. Diese Einrichtungen waren selbstverständlich.
    Ich habe das Buch ja jetzt ein zweites Mal gelesen und war besonders auf die Liebesgeschichte gespannt, an deren Ende ich mich gar nicht mehr so recht erinnern konnte. So kompliziert war sie, weil Katrin und Horrath Parteimitglieder waren. Und die Partei hat einen Moralkodex aufgestellt, nach dem man eigentlich nicht leben konnte. Wenn man sich nach dem richten wollen würde, müsste man ein absolut unfehlbarer Mensch sein. Und wer ist das schon.
    Und so zeigt die Geschichte auch, wie die Menschen, Parteimitglieder, die also eigentlich an die Sache glauben, am Sozialismus gescheitert sind. Wie ganze Biografien vernichtet wurden.

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  4. Mein erster DDR-Roman. Nicht nur Bücher bereichern, sondern auch Freundschaften. Ohne dich, liebe Anne, wäre ich niemals auf diesen Roman gestoßen ...
    Das hatte ich geahnt, dass der Plot dieses Buches in die 50er/ 60er Jahren führt. Danke für deine Recherche. Und was den Verhaltenscodex betrifft, musste ich irgendwie auch an Marcel Proust denken, der ja auch über seine Gesellschaftsschicht geschrieben hat. Und auch die Kunst ist nicht zu verachten, zu der Neutsch sich ebenfalls bezieht. Wie schwierig es als Künstler war, sich zu behaupten. Das fand ich auch sehr interessant ...

    Dass der Sozialismus scheitern musste, hat mir auch gezeigt, dass dafür die Wirtschaftsform nicht ausreichend stabil war. Was ich sehr schade fand, da die Menschen einen hohen Preis in den Sozialismus haben stecken müssen. Die Ideale, einer für alle, alle für einen, finde ich oberflächlich betrachtet nicht schlecht, aber sie haben die Gesellacht letztendlich nicht tragen können.

    Betroffen hat mich zudem gemacht, dass es so etwas wie ein Privatleben nicht gibt und jede Handlung öffentlich gemacht wird.

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  5. P.S. Beeindruckt war ich am Ende noch von Hannes Balla, der sich so stark für Horrath eingesetzt hat. Das hat mir imponiert. Wie haben sie auf dich gewirkt? Balla und Harrath? und Kati?

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  6. Mit dem öffentlichen Privatleben muss man immer einen Unterschied machen. Blöd dran waren da die Parteimitglieder, weil: Die Partei stand über allem - da gab es keine Individuen - so habe ich das beim Lesen empfunden. Besonders schlimm auch, dass Horrath und Marianne sich nicht scheiden lassen durften. Die haben sich wieder zusammenzuraufen. Egal wie. Einfach unmenschlich.
    Vielleicht war das aber auch nur in jenen Jahren so streng, ich weiß es nicht. Zu meiner Zeit - in den 70er Jahren - waren Scheidungen und alleinerziehende Mütter schon ganz normal.
    Ja, der Balla, eine faszinierende Figur, wie ich finde. Ich möchte fast sagen, er war auch der ehrlichste unter allen, vor allem sich selbst gegenüber. Schön zu sehen seine Entwicklung, vor allem durch Horrath gefördert. Dass er sich zum Schluss noch so doll für ihn eingesetzt hat, kam mir fast als logische Schlussfolgerung vor. Das hätte gar nicht anders sein können.
    Und Kati? Manchmal habe ich mich gefragt, ob es wirklich Liebe war, was die beiden verbunden hat. Zumindest von seier Seite aus hatte ich immer das Gefühl, dass er sie brauchte, weil sie ihn bei der Arbeit vorantrieb. Das stand irgendwie immer im Vordergrund.

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