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Sonntag, 21. Mai 2017

Peter Walther / Hans Fallada (1)

Lesen mit Anne


Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Eine sehr schöne und recht umfangreiche Biografie hat der Autor Peter Walther uns LeserInnen hinterlegt. Das ist nun zwar nicht meine erste Biografie zu Rudolf Ditzen alias Hans Fallada gewesen, aber die beste. Mein Bild, das ich von Fallada hatte, konnte nun gut abgerundet werden. Viele neue Informationen konnten sich mir Dank Walther erschließen. Eine sehr gut recherchierte Biografie mit einem Anhang von mehr als 80 Seiten.

Es ist eine sehr reiche Biografie, die zusätzlich mit vielen Fotos versehen ist und ist allen LeserInnen zu empfehlen, die mehr von Hans Fallada erfahren möchten. Ich werde mich hier auf ein paar wenige Themen beschränken, Themen, die mich sehr beschäftigt haben. Weiteres ist unbedingt dem Buch zu entnehmen.

Hans Fallada oder Rudolf Ditzen? Ich gebrauche hier den Künstlername. Wie es zu dem Künstlernamen kam, ein Pseudonym, der dazu diente, die Herkunftsfamilie zu schützen.

Mit welchen persönlichen Gedanken habe ich das Buch beendet? Damit, dass Hans Fallada ein sehr reicher Mensch war. Nicht nur materiell, sondern auch ideell. Geld und Liebe waren reich vorhanden. Aber er verspielte sein Geld, investierte es hauptsächlich in verschiedenen Drogen, und vor allem auch seine Liebe verspielte er. Er hatte viele Menschen um sich, die ihn liebten. Er aber trat auf diese Liebe, als sei sie ein schmutziger Lumpen. Ihm war das durchaus bewusst, er litt auch darunter und nahm dadurch immer wieder neue Anstrengungen in Angriff, sein Leben in positive Bahnen zu lenken, um auch seine Ehe mit seiner ersten Frau Suse zu retten. Aber er scheiterte nach jedem Besserungsversuch. Er erlitt jedes Mal erneut einen Rückfall. Ihn aber anzuprangern, ist nicht meine Absicht, denn er war Mensch und hatte massive Probleme mit dem Menschsein, mit sich selbst, mit seinen Eltern, mit der Gesellschaft und vor allem mit Frauen. Doch primär behandelte Fallada sich selbst am schlechtesten, weshalb ihn so früh, im Alter von 54 Jahren, der Tod durch eine Überdosis an Morphium ereilte. Ich fand sein Leben sehr, sehr traurig. Mir standen am Ende die Tränen in den Augen. Keine Sorge, das Buch ist nicht zu sentimental verfasst. Es ist Falladas Leben, das mich von der ersten bis zur letzten Seite sehr bewegt hat. Die letzten Seiten waren für mich die traurigsten.

Hans Fallada war schon in seiner Jugend recht auffällig und entpuppte sich zum Sorgenkind der Familie, obwohl er 1893 als erster Sohn nach zwei Mädchen der langersehnte Wunsch seiner Eltern war. Zweieinhalb Jahre später folgte ein weiterer Sohn namens Ulli, der es schaffte, die Erwartungen der Eltern zu erfüllen. Umso mehr wurde der ältere Bruder in den Schatten gestellt …

Die Eltern pflegten einen guten gesellschaftlichen Stand. Der Vater war von Beruf Kammergerichtsrat und musste sich häufig für seinen Sohn schämen ...

Auch Falladas Mutter kommt aus einer sehr gebildeten und wohlhabenden Familie. Falladas Eltern ließen den Kindern angeblich nichts fehlen, und trotzdem frage ich mich, ob die Liebe, die sie Hans gegeben haben, ausgereicht hat? Ich glaube eher nicht, da er ein Kind war, das die Erwartungen der Eltern schon recht früh enttäuschen musste.

Doch fragt man sich nach dem Sinn seines Lebens, dann habe ich als Leserin den Eindruck gewonnen, dass er diese Erfahrungen, vor allem auch die wenig guten, machen musste, weil sie zu seinem Leben gehört haben. Er wäre sonst nie der Schriftsteller geworden, der er war.

Hans Fallada war psychisch krank und dadurch auch sehr auffällig. Er litt durch schlechte Erbanlagen an schweren Depressionen und an einer Neurose. Im späteren Alter kamen noch andere psychische Belastungen hinzu, wie z.B. Psychopathie, Alkohol und Morphinabhängigkeit. Diese psychischen Probleme begleiteten ihn durch das ganze Leben. Nicht selten sehnte er sich den Tod herbei und dachte oft an einen Suizid, den er im jugendlichen Alter mit seinem Freund, der ebenso suizidale Absichten hegte, ausüben wollte …

In der Schule wurde er schon von seinen Lehrern gemobbt, weil er sich wie ein „Mädchen“ benahm. Er trug lange Haare, und bei jeder kleinsten schulischen Belastung weinte er im Unterricht sofort los. Ein Lehrer war so dreist und flocht ihm Zöpfe, indem er auch an ihnen zog. Der Lehrer machte den kleinen Hans zum Gespött der Klasse, was seine Lebenssituation schon in diesem jungen Alter negativ geprägt hat. „Dieses ewige Heulen“ bezeichnete der Lehrer als leicht schwachsinnig. Auch die Eltern hielten den Sohn für beschränkt. Dass er aber begabt war, zeigte sich, als das Kind auf eine andere Schule versetzt wurde. Er zählte auf der neuen Schule zu den besten Schülern ... Außerdem spielte Hans leidenschaftlich gerne mit Puppen ...

Schon recht früh besuchte Hans zur psychischen Stabilisierung und Genesung Sanatorien. Später wurde er durch ärztliche Anordnung in der Landwirtschaft eingesetzt, damit er durch körperliche Arbeit psychisch gestärkt werden konnte. Und hier beginnt eigentlich Falladas schriftstellerische Karriere. In diesem neuen Milieu sammelt er jede Menge Stoff für seine späteren Bücher. Er lernt die Lebensweise und den Sprachjargon einfacher Menschen kennen und internalisiert sie. Durch seine Sensibilität saugt er sie wie ein Schwamm in sich auf, sodass man den Eindruck gewinnen konnte, dass er einer von ihnen war, doch
Fallada war nie (…) einzig der >>Kleine Mann<<, für den die Leser ihn häufig hielten. Obwohl er den Standesdünkel seiner Eltern ablehnte, war ihm stets bewusst, wo er herkam, eben nicht von >>unten herauf<<.  Er hat die verschiedenen Lebenssphären kennengelernt und in ihnen den Stoff für seine Literatur gefunden. Häufig ist es die Atmosphäre der ungewaschenen Füße, wie Kurt Tucholsky es treffend nannte, die Fallada am besten einfängt. Die schrägen Typen sind es, die ihn interessieren und die er literarisch mit der größten Überzeugungskraft gestaltet. Sosehr er Teil des Milieus wird, das er schildert – nie geht er ganz darin auf, immer bleibt er im Abstand des Beobachters. (2017, 434f).

Wobei Fallada in allen seinen Büchern Biografisches miteinfließen lässt. Ein Gemisch zwischen Fiktion und Wirklichkeit ist in seinen Büchern behaftet. Auch die Figuren entsprechen Charaktere von Menschen, mit denen er im realen Leben zu tun bekam. Manche Namen tauchen aus dem realen Leben in seinen Büchern auf. Suse, seine erste Frau, nannte ihn immer Junge und Murkel ist der Spitzname seiner Tochter. Beide Namen stehen im Buch Kleiner Mann, was nun?

Fallada war ein Frauenheld. Er wurde von allen Frauen bedingungslos geliebt, aber er behandelte sie alle sehr schlecht. Weiteres ist dem Buch zu entnehmen.

Ich fragte mich zudem, wie Fallada politisch einzuordnen war? Er war 21 Jahre alt, als der Erste Weltkrieg ausbrach und 46 beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Immerhin gehörten Falladas Bücher im Nazi - Deutschland nicht zu den Büchern, die der Bücherverbrennung zum Opfer fielen. Auf den letzten Seiten fand ich für mich hilfreiche Antworten, denn es gab Episoden, wo man den Verdacht hegen konnte, Fallada würde mit den Nazis partizipieren. Ich war erleichtert, dass mein Verdacht dazu nicht erhärtet werden konnte. Aber wie kam ich denn darauf? Fallada hegte starke patriotisch-nationalistische Gefühle. Auch wünschte er, der Weltkrieg würde von Deutschland gewonnen werden, damit sein Land die Weltherrschaft erlangen könnte. Ich wunderte mich über seine politische Haltung, die doch von Nazi-Ideologien behaftet zu sein schien. Auch andere, vor allem Journalisten, haben sich gefragt:
Wie war es nur möglich, dass er – wie er selbst sagt – zu >zwölf Jahren erzwungenen Schweigens, Ertragens, ohnmächtigen Sichwehrens< verurteilte arme Fallada-Ditzen ausgerechnet während der Nazizeit literarische Erfolge verzeichnen konnte, die von kaum einem anderem Schriftsteller erreicht worden sind? (386)

Eine Antwort fand ich auf Seite 437:
Es gibt keinen Zweifel, dass der Mensch und Künstler Fallada das Nazi-Regime verabscheut hat. Und dennoch gab es Zeiten, in denen er dem Druck und der Indoktrination erlegen war. Der Essayist Johannes Gross hat mit Blick auf die Nachgeborenen einmal beobachtet: >>Je länger das Dritte Reich tot ist, umso stärker wird sein Widerstand gegen Hitler und die Seinen.<< Bücher wie das Gefängnistagebuch und Lebensgeschichten wie die von Fallada schützen vor Selbstgerechtigkeit beim Rückblick auf die Geschichte, sie schützen davor, abzustürzen auf dem schmalen Grat von moralischem Relativismus und einem wohlfeilen Urteil, das sich auf das Wissen unserer Zeit stützt.


Mein Fazit zu dem Buch?
In einer Menschenwelt muss man viel tun, um sich ein wenig Liebe zu verdienen, man ackert dafür, und es ist nicht gesagt, ob man die Liebe schließlich bekommt, nach der der Mensch so sehr lechzt. Fallada hat diese Liebe ganz umsonst bekommen. Dies hat mich sehr beschäftigt, wobei mir bewusst ist, dass im Elternhaus schon Fehlstellungen gelegt wurden, auch wenn die Eltern ihr Bestes für die Kinder gegeben haben.

Fallada hatte neben seiner schweren seelischen Erkrankung schriftstellerisch so viel Stoff in sich zu bewältigen, dass auch dies ihn noch zusätzlich bedrängte. Er musste sich leerschreiben, und damit dies möglich war, konsumierte er dabei viel Alkohol, und wenn dies nicht ausreichte, versorgte er sich noch zusätzlich mit Morphium.
Das Ungeborene, dem er noch nicht zum Leben verholfen hatte, peinigte ihn, und als vollendete sich die Welt erst im Wort, dichtete er dem Leben nach und erfand sich zu Lust und Leid seine Geschöpfe, die einzigen, die ihm etwas Licht und Lebenswärme spendeten in der lebenslangen Haft seiner grauen Vereinsamung. (437)

Und ich beende nun meine Buchbesprechung mit einem Zitat, das mir meine Gedanken zu Fallada bestätigt und das mir aus der Seele spricht:
Wir alle sind in unseren Anlagen gefangen. Die Sucht war nichts, wonach Fallada gestrebt hätte, sie hat ihn ereilt in Phasen der Schwäche, die regelmäßig und untrennbar auf Zeiten künstlerischer Anspannung folgte. (Ebd.)

2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Sichtweisen
2 Punkte: Authentizität der Biografie
2 Punkte: Gut recherchierter Stoff, informativ
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein

Zwölf von zwölf Punkten.


Telefongespräch mit meiner Lesepartnerin Anne-Marit Strandborg:

Mit Anne hatte ich ein recht ausführliches Telefongespräch. Auch sie ist von der Biografie sehr angetan. In wenigen Punkten unterscheiden sich unsere Ansichten. Siehe Kommentare, die noch folgen werden.

23.05.2017
Nun habe ich via WhatsApp durchbekommen, dass auch Anne, die die Biografie heute beendet hat zu lesen, sich mittlerweile mit Fallada ausgesöhnt hat. Sie haderte erst wegen der komplizierten und ungerechten  Frauenproblematik.  
Hier geht es zu Annes Buchbesprechung.



Weitere Informationen zu dem Buch

Ich möchte mich recht herzlich beim Aufbau-Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar bedanken. 

Gebunden mit Schutzumschlag, 527 Seiten
Aufbau Verlag
978-3-351-03669-0 
Erschienen 2017. 
25,00 € *)
Inkl. 7% MwSt.


Und hier geht es auf die Verlagsseite vom Aufbau. 

___________
Gelesene Bücher 2017: 19
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86



Montag, 28. März 2016

Mirellas Leseprojekte

In meiner knapp vierjährigen Bloggerkarriere habe ich ein paar Leseprojekte veranstaltet, habe mir aber nie ein Label dazu angelegt. Dies noch nachträglich aufzuholen, wäre sehr zeitaufwendig, da sich mittlerweile sehr viele Bücher angehäuft haben. Deshalb habe ich überlegt, mir nun eine Liste zu erstellen, auf der alle meine Leseprojekte festgehalten sind, damit sie nicht versanden. Anfangs hatte ich noch keine Blogerfahrung, ich konnte noch nicht wissen, welche Schwerpunkte sich mir beim Lesen ergeben würden. Viele AutorInnen kannte ich zwar schon, aber viele kannte ich auch nicht. Wenn ich von gewissen AutorInnen sehr angetan war, hatte ich beschlossen, mir so viele Bücher wie nur möglich von diesen anzuschaffen und sie auch zu lesen. Nun habe ich diese Liste doch gestückelt. Hier auf dieser Seite geht es um Hans Fallada.

Illustration: https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Fallada#/media/File:Erich_Ohser_Hans_Fallada_1943.jpg


Hans Fallada

Gelesen habe ich,
  1. Damals bei uns daheim
  2. Der Alpdruck 
  3. Der eiserne Gustav 
  4. Der Trinker                                                   
  5. Ein Mann will nach oben                                                             
  6. Jeder stirbt für sich allein
  7. Kleiner Mann – großer Mann – alles vertauscht
  8. Kleiner Mann, was nun?
  9. Wer einmal aus dem Blechnapf frißt 
  10. Wolf unter Wölfen
Mit Hans Fallada bin ich auch noch nicht durch. Man darf nicht zu viel auf einmal von den selben AutorInnen lesen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sonst schnell die Konzentration nachlässt. 
Fallada zählt für mich zu den menschlichsten deutschen AutorInnen. Obwohl er auch aus einer Akademikerfamilie stammt, hat er für die einfachen Menschen aus der Kriegs- und Nachkriegsgeneration geschrieben. Ihnen hat er seine Stimme geliehen. Die Würdelosigkeit von Menschen einfacher Klasse durch die herrschende Klasse konnte er immer gut darstellen. Ich habe durch seine Empathiefähigkeit große Achtung vor ihm. 
Hans Fallada ist selbst Betroffener gewesen, er war ein Morphinist. Über den Morphinisten hat er auch ein Buch geschrieben ... Fallada war ein so sensibler Mensch, dass er die harte Realität seiner Zeit schwer verkraften konnte. Fallada zählt zu den Kriegs- und Nachkriegsautoren des 20. Jahrhunderts. 

Ich kannte einen Literaturwissenschaftler, der Falladas einfachen Schreibstil belächelt hat. Mir dagegen kommt es nicht allein auf die hochtrabende, akademische Sprache an. Im Vordergrund stehen für mich immer die Ideale und die Menschlichkeit, die ein Autor hat, um sich für eine bessere Welt einzusetzen. 

Außerdem fühle ich mich zu Hans Fallada seelisch stark hingezogen. Und er hat einen Tag vor mir Geburtstag. 




Montag, 3. November 2014

Hans Fallada / Der Alpdruck (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Lesen mit Anne ...

Das Buch habe ich nun durch. Ähnlich wie Anne war auch ich schnell in der Geschichte drin. Und auch in dieser Geschichte bin ich über so viel Unmenschlichkeit gestolpert, und es war die Unmenschlichkeit, die mich entsetzt hat. Diesmal schreibt Fallada über den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit bis 1946. Anfangs war ich sehr gespannt, ob die beiden Protagonisten Herr Dr. Doll und seine Frau diese schweren Zeiten überleben werden. Ich war eifrig am Lesen und voller Erwartung, es mögen sich doch irgendwie bessere Zeiten auftun, da ja nun der Krieg vorbei war.

Fallada selbst war ein Morphinist, was sich auch in diesem Band widergespiegelt hat, wobei mir diese Szenen mit dem exzessiven Morphiumkonsum ein wenig verzerrt vorkamen, denn die Dosis war so hoch, das hätte ihnen in Wirklichkeit das Leben gekostet. Ich verweise auf das Buch ...

Nach meinem Geschmack war das jetzt nicht der beste Band, den ich von Fallada gelesen habe, vielleicht bin ich ja jetzt ein wenig von seinen Büchern resistent geworden, da die Themen immer mit denselben Symbolen besetzt sind und mich dadurch nichts mehr überraschen kann. Aber wie sollte Fallada anderes schreiben? Das genau waren ja die Themen seiner Zeit.

Fallada ist nur dreiundfünfzig Jahre alt geworden. Er starb an einer Herzschwäche, was mich nicht gewundert hat. Ein sehr sensibler Mensch und Autor, der am gebrochenen Herzen einfach sterben musste.

Ein paar Zitate habe ich mir wieder markiert, doch zuvor gebe ich zur Erinnerung noch einmal den Klappentext rein:
Berlin, Stunde null – ein bedeutender Fallada April 1945: Der Krieg ist vorbei, doch nachts verfolgen den Schriftsteller Dr. Doll Träume vom Bombentrichter, der ihn nicht freigibt. Er will etwas tun gegen den Alpdruck der Mitschuld, doch er kann es niemandem recht machen als Bürgermeister einer Kleinstadt, eingesetzt von der Roten Armee. Er stiehlt sich fort und flüchtet in den Drogenrausch. Im Chaos des zerbombten, nur auf dem Schwarzmarkt funktionierenden Berlin entgleitet ihm seine junge, morphiumsüchtige Frau, und er hat, um zwei Leben zu kämpfen, als er zaghaft beginnt, wieder an eine Zukunft zu glauben.
Eine schwere Zeit, selbst dann noch, als der Zweite Weltkrieg vorbei war. Die Waffen schweigen, die Bomben schweigen, und die Panzer rücken ab. Man müsste sich darüber freuen. Das können die Menschen aber nicht. Die sozialen Nöte sind noch lange nicht überstanden. Armut, Wohnungsmangel, Lebensmittelknappheit, auch die Menschlichkeit ist den Menschen abhandengekommen. Und das alles in einer kalten und nassen Jahreszeit, sodass die Mängel nochmals potenziert erscheinen. Die einen sind mutig, und nehmen sich das Leben, die anderen sind auch mutig, indem sie sich entscheiden, am Leben zu bleiben …

Der Krieg und was danach kommt nimmt den Menschen die letzte Würde. Fallada schreibt am Schluss vom kranken Herzen Deutschlands, das wieder genesen müsse.

Selbst wenn der Krieg vorbei ist, sind die Ausmaße und die Wirrungen nicht mitbeendet. Der Nationalsozialismus ist längst nicht aus dem Inneren der Menschen verbannt. Viele trauern Hitler nach, der doch alles besser machen würde, wäre er doch nur noch am Leben.
Wie oft hörte Dr. Doll die Worte: "Ja unter dem Führer gab es dies und jenes viel reichlicher-!" Ihnen allen, und vielen darunter, die früher keine Nazis gewesen waren, schien plötzlich die Zeit unter der Hitler Tyrannei wie eine gelobte, wie eine gute Zeit. Die Schrecken des Krieges mit seinen Bombennächten, die in Blut und Tod gesandten Männer und Söhne, die Schändung Unschuldiger - all das war schon wieder vergessen. Sie rechneten nur, dass sie früher ein wenig mehr Brot oder Fleisch bekommen hatten. Sie schienen unverbesserlich, manchmal war es fast unerträglich, unter ihnen zu leben; (260). 
Ich dachte, mich verlesen zu haben, als Fallada den Begriff Nazismus nach dem Krieg bei den Leuten noch weiter gebrauchte. Meint Fallada wirklich den Nazismus? Oder doch eher Narzissmus? Aber der Begriff Narzissmus wäre hier fehlbesetzt. Nein, er meint tatsächlich den Nazismus. Hat nicht Hitler den Krieg begonnen und verloren? Können die Menschen noch immer in einem solchen falschen Irrglauben leben? Ja, doch, sie können ... Keine Reue, nur die Sehnsucht nach dem Führer ... 

Einige andere litten in ihrer Vergangenheitsbewältigung noch unter dem Trauma, das die Nazis verursacht hatten, dass sogar die Kinder in der Schule bespitzelt wurden, indem Lehrer sieben und achtjährigen Fragen stellten, wo z. B. die Eltern das Hitlerbild in der Wohnung aufgestellt haben?
„Wie macht es dein Vater am Morgen - sagt er Guten Morgen oder sagt er Heil Hitler? - Spricht euer Radioapparat nicht manchmal eine Sprache, die du nicht verstehst -?" (80)
Dr. Doll ist Schriftsteller. Er ist von dem Nationalsozialismus dermaßen geschockt, dass er es nicht schafft, wieder Bücher zu schreiben. Aber er wird zum Bürgermeister ernannt und findet erstmal darin eine Beschäftigung, einen Wiederbeginn im neuen Deutschland, das noch in Trümmern liegt.

 Viele Menschen wenden sich an ihn, verlangen Lebensmittel, Kleider, Wohnung …
Doch auch der Bürgermeister hatte auch nichts, aber er ging los. Er suchte, wo Parteigenossen großen Überfluss hatten, und gab von diesem Überfluss der Volksgenossin, nicht reichlich, aber ausreichend. Doch stand am folgenden Tage eine andere weinende Frau vor ihm, die Nachbarin der eben Neuversorgten, auch eine Mutter von Kindern, auch blutarm, und die eben Beschenkte, die eben Ausgestattete hatte der Nachbarin über Nacht die Wäschelumpen von der Leine gestohlen! Deutsche gegen Deutsche, jeder für sich allein, immer weiter gegen die ganze Welt und alle ankämpfen. (93)
Was die Kriegsfolgen aus Menschen machen, zeigte dieses Beispiel.

Dr. Doll selbst ist seelisch am Ende, rappelt sich aber immer wieder auf. Lebt für eine längere Zeit in einem Sanatorium, das ihm helfen soll, von dem Morphium wieder loszukommen. Um die Realität zu verkraften, konsumierten er und seine Frau das Zeug in Überdosis ... Er kommt von dem Zeug los, nur das Schreiben will nicht so gelingen. Sein Verleger Völger versucht, ihn zum Schreiben zu animieren, ihn neu aufzumuntern:
"Aber ich weiß nicht-ich habe bisher noch keine Möglichkeit entdeckt. Vielleicht schreibe ich nie wieder ein Buch. Es sieht alles so trostlos aus. Wer sind wir denn noch, wir Deutsche, in dieser durch uns zerstörten Welt-? Zu wem sollen wir sprechen, zu den Deutschen, die keine Lust haben, uns anzuhören, oder zum Ausland, das uns hasst-?" (225)
Die Bürokratie; die Bürokratie und die starre Einhaltung von Gesetzen sind wichtiger als der Mensch. Auch wichtiger als kranke Menschen, die dringendst ärztliche Hilfe benötigen. Frau Doll ist schwer krank, sie sucht zusammen mit ihrem Mann einen Arzt. Es ist Nacht und kalt draußen. Es herrscht Ausgangssperre. Doch die Dolls benötigen nicht nur einen Arzt, sondern auch ein Dach über dem Kopf, da ihre Wohnung an andere vom Ordnungsamt weitervermietet wurde, als sie so lange leerstand. Sie finden keinen Arzt und geben sich der Polizeistation hin. Sie sind sicher, dass die Polizei ihnen helfen wird:
"Was wollen Sie denn-?", fragte der Polizist barsch.
"Wir sind vor einer Weile von auswärts mit der Bahn gekommen, und meine Frau ist krank. Die Unfallstelle ist geschlossen. Erlauben Sie, dass wir bis sechs in Ihrer Wachstube ein bisschen sitzen und uns aufwärmen?"
"Das kann ich nicht erlauben, das ist verboten", antwortete der Polizist.Sie verlegten sich auf Bitten, aufs Betteln. Es geschehe doch niemanden ein Schaden dadurch, sie würden auch ganz still sitzen! Aber der Polizeibeamte blieb unerbittlich: "Was verboten ist, kann ich nicht erlauben! Und überhaupt, was machen Sie jetzt auf der Straße? Es ist doch Sperrstunde!"
"Nehmen Sie uns deswegen doch ein bisschen fest, Herr Wachtmeister!", bat die junge Frau. "Dann ist es nichts Verbotenes mehr, wenn wir drin sitzen!"Aber auch für diesen Vorschlag war der Polizist nicht zu haben, plötzlich schlug er die Tür zu, und die beiden standen wieder allein auf der dunklen Straße. (103) 
Dieses Zitat hat mich so ziemlich betroffen gestimmt. Ein bißchen festnehmen, lol. Eine Festnahme wäre hier das kleinere Übel. Sie säßen im Warmen und bekämen etwas zu Essen.

Die Szenen in dem Sanatorium, wie ich eingangs schon geschrieben habe, hatte mich auch ziemlich betroffen gestimmt. In dem Sanatorium wurden viele, viele Ärzte behandelt, die alle unter der Drogensucht litten und in der Heilanstalt sich dem Entzug stellten. Auch diese Ärzte waren Menschen, die schwer mit der Wirklichkeit leben konnten, da sie berufsbedingt die Kriegsleiden und die Kriegsgebrechen täglich vor Augen hatten. Doch im Sanatorium wurden sie anonym behandelt. Niemand durfte wissen, dass sie Morphinisten sind. Sie laufen Gefahr, ihre Approbation zu verlieren.

Der Schluss hat mir sehr gut gefallen.

Nachtrag 07.11.2014:

Leider ist meine Lesepartnerin Anne für eine längere Zeit erkrankt, so dass sie ihre Leseeindrücke vorübergehend nicht ins Netz übertragen kann und ich keine Verlinkung zu ihrer Buchbesprechung vorzunehmen in der Lage bin. Wir tauschen uns nun hauptsächlich telefonisch aus.

Anne war der selben Meinung wie ich, dass die Szene mit dem Morphiumkonsum nicht realistisch war. Fallada war zu dieser Zeit selber in einer Heileinrichtung untergebracht und ist wahrscheinlich nicht in der Lage gewesen, die Morphiumdosis richtig einzuschätzen.

In dem Buch existiert auch ein Kind, das seine Frau aus der ersten Ehe mitgebracht hat. Das Kind wurde nur zwei Mal erwähnt und fehlte völlig in den Familienzusammenhängen. Auch das ist untypisch für Fallada, der eigentlich präzise ist, Familien in ihren Nöten zu beschreiben. Auch dies ist wohl auf seinen Krankenzustand zurückzuführen.

Dieses Buch ist posthum herausgebracht worden und zählt zu Falladas letzten Werken. Und es könnte sein, dass gerade dieses Buch sehr viel autobiografisches Material bietet und verweise auf das Vorwort ...

______
Ich konnte immer nur sehr wenige Menschen auf einmal gern haben.
(Ernest Hemingway)

Gelesene Bücher 2014: 74
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86



Freitag, 5. Juli 2013

Hans Fallada / Bauern, Bonzen und Bomben





Klappentext
Falladas erster großer Roman: Das Psychogramm einer Staatsbefindlichkeit.In diesem Buch erfährt man, wie Politik auf dem Lande in der Weimarer Republik aussehen konnte, im Spannungsfeld einer politisch hellhörig gewordenen Gesellschaft zwischen Linken und Rechten, Arbeitern und Bauern.


Autorenportrait im Klappentext
RUDOLF DITZEN alias HANS FALLADA (1893–1947), zwischen 1915 und 1925 Rendant auf Rittergütern, Hofinspektor, Buchhalter, zwischen 1928 und 1931 Adressenschreiber, Annoncensammler, Verlagsangestellter, 1920 Roman-Debüt mit "Der junge Goedeschal“. Der vielfach übersetzte Roman "Kleiner Mann – was nun?" (1932) machte Fallada weltberühmt. Sein letztes Buch, „Jeder stirbt für sich allein“ (1947), avancierte rund sechzig Jahre nach Erscheinen zum internationalen Bestseller. Weitere Werke u. a.: »Bauern, Bonzen und Bomben« (1931), »Wer einmal aus dem Blechnapf frißt« (1934), »Wolf unter Wölfen« (1937), »Der eiserne Gustav« (1938).»Alles in meinem Leben endet in einem Buch.«

Gelesen habe ich von Fallada:

1. Damals bei uns daheim
2. Der Trinker                                                
3. Ein Mann will nach oben                                                          
4. Jeder stirbt für sich allein                                                        
5. Kleiner Mann – großer Mann – alles vertauscht                    
6. Kleiner Mann, was nun?                                                            
7. Wer aus dem Blechnapf frißt
8. Wolf unter Wölfen


Ich fand alle Bücher gut geschrieben.
Mit obigem Titel konnte ich aber nicht wirklich warm werden. Hatte es schon mal angelesen und wieder abgebrochen. Ich möchte es jetzt noch einmal versuchen.


Nachtrag, Sa. 06.07.2013, 12:23 Uhr 
Das Buch habe ich nun ein zweites Mal wieder abgebrochen und weiß nun, woran das liegt. Es treten in dem Roman nur Männer auf, und nur ganz selten eine Frau, und dann auch nur im Hintergrund. Mir ist diese Männerwelt einfach zu trocken.
Schon der Titel ist irgendwie mit Männlichkeit überfrachtet, wenn ihr versteht, was ich meine. Weiß nicht, wie man das noch besser ausdrücken könnte.








Montag, 18. März 2013

Jenny Williams / Mehr Leben als eins (2)

Biographie zu Hans Fallada

Zweite von zwei Buchbesprechungen zur o. g. Lektüre

Ich habe viel im Buch angestrichen, weiß aber nicht, ob ich alles verwerten werde. Mal schauen, wie weit ich komme.

Die Ursache, weshalb Ditzen sich von den Erwartungen seiner Eltern distanzierte, lag an der autoritären und repressiven Erziehung seiner Eltern. Wobei  mir die Eltern, nach allem, was sie bereit waren für ihren Sohn zu tun, nicht wirklich autoritär vorkamen. Beide Elternteile hatten selbst eine schwere Kindheit zu verwinden, wuchsen ohne Eltern auf, so dass es ihnen sehr wichtig war, den eigenen Kindern eine Familienatmosphäre zu vermitteln, die sie selbst nicht hatten. Die Mutter wuchs bei ihrem liebarmen Onkel auf, der Vater war auf einem Internat. Dazu später mehr. Schon in der Jugend zeigte Ditzen große Auffälligkeiten und unternahm mehrere Suizidversuche, die alle scheiterten.  Mit einem Schulfreund, der ebenso lebensmüde war, duellierte er sich mit dem Ziel, sich gegenseitig zu töten. Obwohl der Freund als erfahren gilt, was die Anwendung von Pistolen betrifft, gelingt es ihm nicht, Ditzen zu töten und verfehlte knapp sein Ziel. Anders Dietzen, der den Freund mitten ins Herz getroffen hatte und starb. Ditzen wurde des Totschlags angezeigt, kam in eine psychiatrische Heilanstalt, und sich dort herausstellte, dass Ditzen selber suizidal war und nur sterben wollte. So wurde die Anzeige wieder fallengelassen.

In keines seiner Werke gibt es eine positive Vaterfigur. Ditzen geriet in den Alkohol und Rauschgiftkonsum und mischte sich unter den Kleinkriminellen. Für den Vater, der Richter von Beruf war, eine große Empörung und Skandale fürchtete.
Der Mensch lebt nicht nur sein persönliches Leben als Einzelwesen, sondern, bewusst oder unbewusst, auch das seiner Epoche und Zeitgenossenschaft (…). Ditzen wurde im selben Jahr geboren wie der radikale Dramatiker Ernst Toller und in dem selben Jahrzehnt wie Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Walter Benjamin, Gertrud Colmar und Karl Zuckmeyer. Er gehört einer Generation deutscher Schriftsteller an, die in ein autoritäres deutsches Reich hineingeboren wurden, bei dessen Zerfall im Ersten Weltkrieg erwachsen wurden und nur vierzehn Jahre parlamentarischer Demokratie erlebten, bevor der Faschismus und ein zweiter Weltkrieg über sie hereinbrachen. 14f
Ditzen war in der Schule Außenseiter und in der Familie das Sorgenkind und das Schwarze Schaf. In den Schulpausen zog er sich zurück und vertiefte sich in seine Bücher. Was die Literatur betrifft, so ist Ditzen auch hier seinen eigenen Weg gegangen, in dem er sich für Bücher begeisterte, die zu Hause verboten wurden:
Ebenso wie seine ältere Schwester Elisabeth sagten Rudolf vor allem solche Bücher zu, die ihre Eltern für ungeeignet hielten und die den Kindern offiziell nicht zugänglich waren. Hierzu zählten nicht nur die volkstümlichen Abenteuerromane Karl Mays, sondern auch Flaubert und Zola, Dumas, Stevenson, Dickens und Dostojewski. 29
Eigentlich alles gute Literaten. In Karl May sind diesmal nicht die Indianer die Bösen, sondern die Weißen. Vielleicht könnte das mit eines der Gründe des Leseverbots sein. Aber bei den anderen Büchern? Die anderen Autoren, die mir auch bekannt sind, schreiben recht gesellschaftskritische Bücher... . Durften gesellschaftskritische Bücher nicht sein?

Ditzen litt unter einer manischen Depression und hatte bis zu seinem Lebensende mehrere psychiatrische Klinikeinweisungen hinter sich. Der Hausarzt der Familie charakterisierte Ditzen folgendermaßen:
Ich halte Ditzen für einen im Denken sehr scharfsinnigen und im Reden schlagfertigen jungen Menschen, der sich äußerlich sehr in der Gewalt hatte, innerlich aber in der Bekämpfung seiner Triebe und Leidenschaften schwach war. 43
Den Eltern versuchte der Schüler Ditzen deutlich zu machen, dass er unbedingt Schriftsteller werden möchte. Die Ärzte, Hausarzt und Klinikärzte rieten ihm von zu viel kopflastige Betätigung ab. Was er brauche, wäre körperliche Arbeit, damit er abgelenkt werden könne. Nach der Klinikeinweisung wurde er auf einen Bauernhof vermittelt, auf dessen Landwirtschaft eingesetzt, auf dem er ein stark reglementiertes Leben mit strengen Vorschriften nachgehen musste.
In seinen Jahren in Posterstein und auf anderen Gütern eignete sich Rudolf Ditzen fundierte Gartenbaulicher, Land-und forstwirtschaftliche Kenntnisse an: "Und doch habe ich all diese Zeit- das aber erfuhr ich erst Jahrzehnte später gelernt für das, was ich einmal werden sollte; ein Schriftsteller. Ich war nämlich fast immer mit Menschen zusammen, ich stand hinter den endlosen Reihen der schwatzenden Frauen beim Rübenhacken, beim Kartoffelbuddeln, und ich hörte die Frauen und die Mädels schwatzen, von morgens bis abends ging das. Abends schwatzte dann der Chef, und auch die Schweizer im Kuhstall schwatzten wie die Knechte beim Füttern im Stall. Ich konnte ja nicht anders, ich musste zuhören, ich lernte, wie sie reden und was sie reden, was sie für Sorgen haben, was ihre Probleme sind. 63
Als Kind einer gut situierten Familie hat Ditzen hier nun gelernt, sich auf die Welt der einfachen Leute einzulassen. Und ich finde, das ist ihm sehr gut gelungen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Literaturwissenschaftler, der Ditzen abgewertet hatte in der Form, dass seine Bücher keinen literarischen Wert hätten und bezog dies auch auf die literarische Sprache. Damals hatte ich noch keine Auto / Biographien von dem Autor gelesen aber heute wüsste ich schon, mit dem Hintergrund, den ich nun habe, was ich ihm antworten würde. Sich auf das Leben anderer Menschen einzulassen, zeigt ein großes Maß an Menschlichkeit. Ditzen öffnete sich, um innerlich diese Menschen in sich einzulassen und über ihre Probleme ganze Bücher zu schreiben. Das ist auch eine Kunst und beweist eine hohe Gabe an Sensibilität und Feinfühligkeit.

Als die Eltern sich mittlerweile abgefunden haben, dass Rudolf vom Schreiben nicht abzubringen ist, verlangten sie von ihm, sich einen Pseudonym anzulegen, um die Familie zu schützen. Rudolf Ditzen machte sich auf die Suche. Im folgenden Zitat erfährt man, wie Rudolf Ditzen seinen Schriftstellernamen hat finden können:
Rudolf Ditzens nächster Schritt bestand darin, sich einen Schriftstellernamen zuzulegen. Diesmal suchte er nicht in den Büchern von Oscar Wilde nach einer passenden literarischen Figur, sondern in der Welt der Grimmschen Kinder-und Hausmärchen:  >Hans< nach der leicht zu übertölpenden, aber sorglosen Titelgestalt in >Hans im Glück<   und  >Fallada< in >Die Gänsemagd<, das um den Preis des eigenen Lebens und noch nach seinem Tode stets die Wahrheit spricht und für ausgleichende Gerechtigkeit sorgt. 79
Dies, so finde ich, der Anspruch nach Gerechtigkeit, passt zu Ditzen, wird in allen seinen Werken deutlich, wer die Verlierer / Gewinner im Leben sind, wer zu den Benachteiligten einer Gesellschaft zählt.

Obwohl Ditzen sich mit seinen Eltern nicht so sehr verstand und er unter der repressiven und autoritären Erziehung litt,  hatte er seinem Vater viel zu verdanken. Ich finde es sehr lobenswert, dass der Vater dennoch zu seinem Sohn hielt und ihn nicht hat fallen lassen. In Familien stehen oft die gesellschaftlichen Konventionen an oberster Stelle.
Rudolf Ditzen verdankte seinem Vater viel. Er war es, der zuerst die Liebe zur Literatur in ihm weckte, der sich weigerte, ihn während der Pubertät im Stich zu lassen, der ihn finanziell unterstützte, als er an seinem ersten Roman schrieb, und der stets bemüht war, die Verbindung zu seinem Sohn nicht abreißen zu lassen, obwohl Vater und Sohn vieles gemeinsam hatten - die Liebe zur Literatur (...).
Aus meiner Sicht ist diese Haltung den Eltern, hier insbesondere dem Vater, hoch anzurechnen. Viel zu viele Familien gehen auseinander, wenn ein Kind sich nicht den Erwartungen ihrer Eltern entwickelt. Meist sind diese Erwartung verknüpft mit den Erwartungen jener Gesellschaft eines Landes. Oft frage ich mich dabei, ob die Eltern die Gesellschaft mehr lieben als das eigene Kind.

Wegen kleiner Delikte wurde Rudolf Ditzen eingesperrt. Erstaunlicherweise zog er daraus eine positive Bilanz, da er nirgends so viel Ruhe zum Schreiben fand wie in einem Gefängnis. Ich musste so lachen, als er sagte, wer ein Buch schreiben möchte, der solle sich ins Gefängnis einsperren lassen. Humor hat Ditzen ab und an auch gehabt... Ein Witz, aber auch mit einem Kern an Wahrheit.
Bereits nach vier Tagen Haft gelang Ditzen zu dem Schluss: Ich bin noch in keinem Sanatorium, in keiner Irrenanstalt so anständig behandelt worden wie hier. Wenn ich meine Arbeit tue, kümmert sich kein Mensch um mich weiter. Ich bin in meiner Zelle, ich kann lesen, schlafen, schreiben, singen, auf- und abgehen: Niemand fragt danach. Und die schöne Ruhe hier ... . Ernst von Salomon, der um die gleiche Zeit im Gefängnis (…) einsaß, teilte Ditzens Wertschätzung der Vorzüge des Gefängnislebens: für jeden, der die Ordnung liebt, ist das Gefängnis ein durchaus möglicher Ort. Die Ausschließlichkeit der vier nackten Wände zwingt zu einer gewissen Unbedingtheit der Forderungen an sich selber, zugleich zwingt sie, mit ihren Realitäten fertig zu werden. 101
Das ist nur ein Teil der Realität, wie Ditzen sie äußert. In den anderen Büchern steht er der Justizvollzugsanstalt recht ablehnend gegenüber und zeigt eine kritische Haltung, dass diese Einrichtungen nicht ausreichend menschengerecht ausgestattet seien. Überfüllte Zellen, mangelnde Hygiene, und einseitige Ernährung, die aus Wasser und Brot besteht.

Ditzens Bücher wurden im Nationalsozialismus weder verboten noch verbrannt, da die Bücher als zu populär und politisch als harmlos eingestuft wurden. Goebels selbst lobte das Buch >Kleiner Mann was nun?<  als "Ein tolles Buch. Der Junge kann was" 252. Da hat wohl Ditzen Glück gehabt.

Ditzen war auch ein Opfer seiner Zeit, auch wenn er nicht zu den gesuchten Schriftstellern oder zu den Verfolgten des Nationalsozialismus zählte. Er erlitt immer wieder psychische Zusammenbrüche, greift immer wieder erneut zum Alkohol oder zu Morphium. Wie viele Schriftsteller seiner Zeit, die Deutschland verlassen hatten und woanders als Exilant lebten, konnte Ditzen es ihnen nicht gleichtun, da er Deutschland sehr liebe und er sich in keinem anderen Land schreiben könne wie in seinem eigenen. Lieber gehe er mit den Deutschen unter als zu emigrieren. Ich kann Ditzen verstehen, ginge mir auch so. Mir ist Deutschland auch mein liebstes Land.
>(…) Ich kann mein Geburtsland nicht verlassen, denn ich bin ein Deutscher, ich sage es heute noch mit Stolz und Trauer, ich liebe Deutschland, ich möchte nirgendwo auf der Welt leben und arbeiten als in Deutschland. Könnte es wahrscheinlich nirgendwo anders.< (…) Die Emigration war durchaus keine leichte Wahl: Ditzens Schriftstellerkollegen Kurt Tucholsky, ebenfalls Hausautor bei Rowohlt, hatte 1935 in Schweden Selbstmord verübt. Heinz Kiwitz war im spanischen Bürgerkrieg verschollen; Franz Hesse sollte 1941 in Frankreich an den Folgen der Inszenierung in einem französischen Lager sterben; Ernst Toller, Walter Benjamin, Stefan Zweig, Walter Hasenclever-sie alle haben sich im Exil das Leben genommen. 267
Im Folgenden die Beurteilung der Nazi-Journalisten zu Ditzens Büchern:
Während der Literaturwissenschaftler Helmuth Langenbucher die offizielle Auffassung diktierte, > Wir hatten mal ein Kind< sei weder nützlich, positiv noch deutsch, gab es eine Anzahl von Nazi-Journalisten, die das Werk als komplizierten Blut-und-Boden-Roman prießen und an ihm > Rasseempfinden, Blutsempfinden und Bodenbeständigkeit (...) bewunderten. 225
Trotzdem wurde auch Ditzen von der Gestapo aufgesucht, eine Hausdurchsuchung durchführten, als ihm vorgeworfen wurde, er würde den Hitlergruß verweigern und keine Hitler-Portraits bei sich aufhängen. Auch wurde Ditzens Stammbaum überprüft. Das alles setzte auch Ditzen unter einem enormen psychischen Druck.

Dennoch hat Ditzen den Glauben an das Gute im Menschen nicht verloren:
Durch den ganzen Roman, > Kleiner Mann was nun<, >Der Trinker<  ist sein Glaube an die menschliche Anständigkeit und menschliche Vervollkommnungsfähigkeit sowie seine Überzeugung, dass Menschen häufig Opfer der Umstände sind:> verzweifelte Lage eines verzweifelten Volkes, verzweifelt handelt jeder einzelne Verzweifelte> . 251
Ich finde, dass diese Denkhaltung etwas Versöhnliches trägt.

Ich habe noch gar nichts zu seiner Familie gesagt, und auch nichts über seine Geschwister. Ditzen war zwei Mal verheiratet und beide Male missglückte die Ehe, obwohl er mit seiner ersten Frau Suse über viele Jahre glücklich gelebt hatte. Suse war eine einfache Frau, zeigte sich aber stark und patent im Alltagsleben, während Ditzen sich als feige bezeichnete. Suse wurde von seinen Eltern nicht sofort akzeptiert. In >Kleiner Mann was nun?< spiegelt sich die Ehe dort wieder. Emma, Spitzname Lämmchen als Suse, Johannes Pinneberg, Spitzname Jnngche als  Rudolf  Ditzen. In dem Buch werden soziale und ökonomische Nöte behandelt, die Wirtsckaftskrise mit ihr verbunden die Inflation und die Arbeitslosigkeit. Und immer ist es Emma, die in der Not die Starke ist und vieles selbst anpackt.. . Weitere Details sind dem Buch zu entnehmen. Ich habe nicht das Bedürfnis, hier alles festhalten zu müssen. Deshalb, besser selbst das Buch lesen und fehlende Informationen durch Selberlesen ausgleichen.

Die Biographie bekommt von mir 10 von 10 Punkten. Habe darin Rudolf  Ditzen wiedererkannt, war demnach sehr gut recherchiert, und sie war sehr vielseitig.
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 „Wo viel Liebe ist, kann sich das Böse nicht entfalten“
         (Aus der Zauberflöte, Mozart)

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Gelesene Bücher 2011: 86








Jenny Williams / Mehr Leben als eins (1)

Eine Biographie zu Hans Fallada

Eine von zwei Buchbesprechungen

Eine super tolle Biographie. Rudolf Ditzen, alias Hans Fallada, kommt recht authentisch rüber. Die irische Autorin Jenny Williams hat super gut recherchiert.
Rudolf Ditzen hatte von Jugend an ein sehr bewegtes Leben, das für die Eltern schwer nachvollziehbar war. Der Vater, Jurist von Beruf, wünschte sich nichts anderes, als dass sein Sohn in seine Fußstapfen tritt, doch der Sohn weigerte sich vehement. Rudolf ging seinen eigenen Weg durchs Leben...  und was ich so imponierend fand, ist, dass die Eltern, die von der Autorin als recht autoritär beschrieben wird, doch zu ihrem Sohn standen, wenn auch auf ihre Weise, und nicht den Kontakt zu ihm abgebrochen hatten... . Weiteres folgt später... .

Erstaunlicherweise besitzen gerade die Bücher mehr autobiographisches Material, von denen man es nicht erwartet hätte, und die, die als eine Autobiographie deklariert sind, sind total verfälscht. Das Buch Kleiner Mann was nun? z.B. ist stark autobiographisch gefärbt und das Buch "Damals bei uns daheim" eher Fiktion.
Ich möchte mir unbedingt den Film besorgen >Kleiner Mann was nun?<

Ich ahnte es sowieso, dass viele Bücher eingier AutorInnen ihre Erlebnisse in ihre fiktiven Bücher packen.
Erich Maria Remarque gehört auch dazu... . Freue mich, meine Beobachtung bestätigt bekommen zu haben.

Und ich habe auf meine Frage, wieso Rudolf Ditzen so stark in der Welt der Kleinbürger, der Bauern und der Proletarier behaftet war, was sich ja auch in der Sprache kenntlich macht, wo er doch von Haus aus der höheren Gesellschaftsschicht abstammt, da sein Vater, Jurist von Beruf, und dadurch eine hohe Autorität innerhalb der Gesellschaft inne hatte, so konnte ich nun durch das Buch eine Antwort finden. Dazu später mehr.

Interessant zu lesen ist bei Rudolf Ditzen, dass die Frau oft als das starke Geschlecht und der Mann als das schwache Geschlecht hervor geht. Recht deutlich wird dies in dem Buch "Kleiner Mann was nun?"

Rudolf Ditzen war nicht nur ein großer Schreiber, sondern auch ein großer Leser. Er war mit Ernst Rowohlt befreundet, der seine Bücher publiziert hatte. Im Nationalsozialismus ging das nicht mehr, Rowohlt bekam die Druckrechte von den Nationalsozialisten abgesprochen. Ernst Rowohlt emigrierte nach Brasilien ins Exil.

R. D. hatte viele, viele Bücher geschenkt bekommen, einige hunderte, die meisten von dem Rowohlt Verlag. Zum Schluss war ihm das Lesen nicht mehr so wichtig, ihm stand die Büchersammlung mehr im Vordergrund. Dabei musste ich an mich und an Anne denken, da wir uns immer wieder von neuem vornehmen, keine weiteren Bücher mehr zu kaufen, solange der große SuB (Stapel ungelesener Bücher) nicht abgearbeitet ist. Was spricht denn gegen das Sammeln? Andere sammeln Bierdeckel, Briefmarken, Knöpfe... und wir sammeln eben Bücher.
R. D. besaß eine Bibliothek von mehr als 4000 Büchern.

Da ich jetzt schon so viel ohne Zitate geschrieben habe, lege ich zu dem Buch eine zweite Buchbesprechung an.
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 „Musik ist eine Weltsprache“
         (Isabel Allende)

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Donnerstag, 14. März 2013

Jenny Williams / Hans Fallada ...

... mehr Leben als eins - Biographie



Taschenbuch: 400 Seiten
Verlag: Aufbau Taschenbuch; 
Auflage: 2 (25. Juli 2011)
ISBN-10: 3746670896




Klappentext
»Die ausgewogenste Biographie Hans Falladas.« NZZ Angesichts des Sensationserfolgs von Falladas letztem Roman »Jeder stirbt für sich allein« lohnt ein erneuerter Blick auf den Autor: Spannend und eindrucksvoll erschließt Jenny Williams Schicksal und Werk dieses Schriftstellers, der viele Leben auf einmal lebte – als Trinker, Morphinist, Gefängnisinsasse, liebevoller Familienvater und manischer Schreiber. »Immer wieder haben spätere Forscher versucht, das Schicksal von Rudolf Ditzen, wie der Autor eigentlich hieß, in den Büchern von Hans Fallada zu entdecken. Noch nie aber ist das so überzeugend gelungen wie in der Biographie der irischen Germanistin Jenny Williams.« FAZ

Autorenportrait im Klappentext
Jenny Williams, in Nordirland geboren, studierte an der Queen's University of Belfast Germanistik. Nach mehreren Jahren Hochschultätigkeit an der University of Ulster zog sie 1987 nach Dublin und arbeitet seitdem an der Dublin City University. Seit Juni 2001 ist sie dort Associate Professor mit Schwerpunkt Übersetzungswissenschaft, und seit September 2008 leitet sie das Forschungszentrum für Text- und Übersetzungswissenschaft. Jenny Williams hat zahlreiche Aufsätze zu Hans Fallada verfasst und 2009 gemeinsam mit Sabine Lange „Hans Fallada: In meinem fremden Land. Gefängnistagebuch 1944“ im Aufbau Verlag herausgegeben. »Williams ist eine Liebhaberin Ditzens und beleuchtet kritisch, wie er mit und um das Leben als Mann und Schriftsteller kämpfte, seinen Erfolg erringt und ihm gerecht zu werden versucht. Sie will sein vernachlässigtes Ansehen ins rechte Licht rücken - und das gelingt ihr vorbildlich!« Südkurier über: »Mehr Leben als eins. Hans Fallada«  Nicht nur Jenny Williams ist eine große Fallada Liebhaberin. Auch ich bin es und mir ist es völlig egal, dass die Literaturwissenschaftler seine Bücher nicht wirklich zur hohen Literatur einstufen. Hans Fallada hat ein großes Herz, was Menschlichkeit betrifft. Er hat eine sehr gute Beobachtungsgabe und er schafft es, diese mit einfachen Worten zu beschreiben. Mittlerweile scheint es so langsam einen Fallada Wandel zu geben, indem er neu entdeckt und weltweit "vermarktet" wird.
 Ich freue mich sehr auf das Buch und habe das Ziel, alle Fallada Bücher zu lesen, so nach und nach!

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 „Wo viel Liebe ist, kann sich das Böse nicht verbreiten“ 
         (Aus der Zauberflöte, Mozart)

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Sonntag, 21. Oktober 2012

Hans Fallada / Der Trinker (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre 

Das Buch hat mich gepackt, wie immer bei Fallada, der zu meinen Favoriten zählt, weil ich seine Menschlichkeit so sehr schätze, die er in seinem Leben (Politik und Gesellschaft) so sehr vermisste. 

Ich habe nicht die Absicht, mich besonders lange über das Buch auszutauschen, weil man es irgendwie selbst gelesen haben sollte. Da ist jede Seite wichtig, von Seite eins bis zur letzten Seite. Ich habe mir ein paar wenige Textstellen markiert, die ich gerne besprechen möchte, aber trotzdem wird es so sein, als würde ich diese Textstellen aus dem Zusammenhang herausreißen. Das ist ja eigentlich bei jedem Buch so, aber bei diesem schmerzt es mich besonders... .


Wie aus dem Klappentext zu entnehmen ist, beginnt der Ich-Erzähler und Protagonist namens Erwin Sommer von seinen Eheproblemen und von der Zeit, in der die Ehe gut funktionierte, zu berichten. Eine negative Veränderung, besetzt durch Streitereien über belanglose Dinge, brachte die Ehe ins Wanken. Seine Frau Magda sucht für die Eheprobleme die alleinige Schuld bei ihrem Mann. Desweiteren stellten sich schlechte Geschäfte ein. Erwin Sommer war selbständig und betrieb ein Landesproduktgeschäft, das durch einen selbstverschuldeten Fehler rote Zahlen schreiben ließ.


Erwin Sommer litt schwer unter diesem Fehler, desweiteren klagte er über ein mangelndes Selbstbewusstsein. Mit seiner Frau über die schlechten Geschäfte zu sprechen wagte er nicht, aus Angst, es könnten schwere Vorwürfe hageln. Er sehnt sich nach Geborgenheit, nach Liebe, nach einem Schutzraum, und so verflüchtigte er sich in den Alkoholgenuss, und verfällt immer mehr dem Alkohol bis es zur Sucht ausartete. Jeder merkt ihm seine Suchterkrankung an, nur er selber nicht. Er bagatellisiert sie eher.


Seine Frau Magda wird von einem Mitarbeiter ihres Mannes, ein Kaufmann,  über die schlechten Geschäfte unterrichtet, und so nimmt Magda das Geschäft in die Hände und bucht später Erfolge ab... . 


Erwin Sommer selbst gerät immer mehr in den Strudel des Alkohols und dadurch in die Kriminalität. Flieht von zu Hause, sucht sich in einem Russenviertel eine Bleibe, wo er selbst auch hinterlistig betrogen und beraubt wird... . Erwin Sommer kommt in den Knast, da er seiner Frau einen Mord angedroht hatte und sie diese zur Anzeige brachte. Erwin dagegen hatte eine Mordswut auf seine Frau, die ihm Ärzte und Psychiater auf den Hals hetzte, die ihn wegen der Alkoholkrankheit in eine Heilanstalt einliefern wollten. Doch Erwin konnte fliehen... . 


Erwin Sommer wird kurze Zeit darauf von der Polizei gefasst und kommt in Untersuchungshaft wegen Mordandrohung an seine Frau. Hier in den Gefängnishallen hört die Menschlichkeit auf... . Hier wird Erwin Sommer nur noch SOMMER gerufen, den HERR verschluckten die Wärter und das medizinische Personal. Erwin gibt sich große Mühe, versucht sich im Knast zu bewähren, damit er wieder rauskommt, damit sie ihn in die Heilanstalt einweisen, die er als das kleinere Übel glaubte, bis ihn ein Gefängnisinsasse eines Besseren belehrte:

"Was geschieht dir nun? Erst kommst du auf sechs Wochen in die Anstalt zur Beobachtung auf deinen Geisteszustand. Denkst du, die Anstalt ist besser als ein Kittchen? Schlechter ist sie! Alles Drum und Dran ist genau wie hier, Fressen und Arbeit und Wachtmeister, aber du bist nicht mehr mit vernünftigen Menschen zusammen, sondern mit lauter Idioten! Und dann gibt der Arzt sein Gutachten ab, und du kriegst den Paragraphen 51, und das Verfahren gegen dich wird eingestellt. Aber du wirst für geisteskrank und gemeingefährlich erklärt und deine dauernde Unterbringung solcher Heilanstalt angeordnet, und da sitzt du, fünf Jahre, zehn Jahre, zwanzig Jahre, kein Hahn kräht nach dir, und langsam bist du unter all den Idioten auch ein Idiot. Das ist es ja aber wohl auch, was sie von dir wollen. Wie du mir erzählt hast, hat deine Alte viel fürs Geschäft übrig; dann tut sie das Geschäft und alles, was dir gehört. Du bist dann bloß noch ein armer entmündigter Trottel, und wenn sie dir zu Weihnachten ein Stück Kuchen und eine Rolle Priem schickt, so ist das schon viel…"

Erwin Sommer bekommt es mit der Angst zu tun und bemüht sich nun nicht mehr um Positivpunkte. Er will im Knast bleiben, doch es gelingt ihm nicht, und wird in die Pflege- und Heilanstalt eingewiesen. Was sein Gefängsniskamerad über diese Einrichtung erzählte, stellte sich später als Wahrheit heraus. Von 56 Insassen gibt es keine sechs, die wieder in die Freiheit entlassen werden sollten. 

Mich hat besonders dieser Bereich interessiert. Glücklicherweise hat sich ja mittlerweile viel geändert. Aber ein Alkoholismus wurde damals mit Diebstahl... gleichgesetzt. Die Menschen wurden entmündigt, und selbst Ärzte hatten starke Vorbehalte gegenüber den Insassen, die immer im Unrecht zurückgelassen wurden. Erwin Sommer bettelt seinen behandelten Klinikarzt an:
"Immer war ich anständig, Herr  Medizinalrat, lassen Sie mich wieder unter anständigen Menschen leben. Geben Sie mir eine Chance…"
Die damalige Einrichtung ist mit der heutigen Forensik zu vergleichen, aber die Inhalte, Konzepte haben sich zu Gunsten der Insassen verbessert. Früher gab es keine Sozialarbeiter und Psychologen, die diese Menschen in Haft / auf Station begleitet hatten.
Viele Insassen glaubten, nach der Strafe in die Freiheit zurückkehren zu können, aber man brachte sie in dieses Krankenhaus mit Strafanstaltscharakter (...). Ihre Zurechnungsfähigkeit war vermindert, es fehlten ihnen die notwendigen Hemmungen, sie waren eine Gefahr für die Gemeinschaft: Die Pforten der >Heil< Anstalt schlossen sich hinter ihnen für immer. Hier gibt es Mörder, Diebe, Sittlichkeitsverbrecher, Urkundenfälscher, religiös Wahnsinnige. Die meisten von ihnen verbüßten erst eine längere oder kürzere Strafe ehe sie hierherkamen.

Die Patienten wurden unterernährt und dadurch brachen viele Krankheiten aus. Ich bekam auch als Leserin den Eindruck, dass man diesem Teil der Gesellschaft keine hohe Lebenserwartung gönnte. Viele Patienten erkrankten tatsächlich schwer durch die Mangelernährung. Viele erlagen ihrer Krankheit. Diese Leute wurden nicht mehr wie Menschen behandelt, sondern eher wie unreife Wesen, die entmündigt wurden:



Ich habe auch beobachtet, dass meine Mitkranken, auch die stumpferen, gerne auf dieses >Sie< reagierten. Es gemahnte sie an die Zeit, dass sie noch Menschen waren, wenn niemand ihnen jeden Schritt befahl, jeden Bissen zuteilte, sich am frühen Abend wie kleine Kinder ins Bett schickte. (…) Irgendwelche Gefühle wurden an einem Erkrankten oder Sterbenden nicht verschwendet, und soviel ist richtig, dass unser Oberpfleger ein harter Mann war, der Sentimentalitäten nicht kannte. Die meisten Kranken schienen ihm unnütze Geschöpfe, die doch zu nichts mehr gut waren. Es war schon besser, sie verschwanden von dieser Erde. Und leider hatte er damit nicht einmal  Unrecht.

Erwin Sommer vermisste bei der Anrede das Sie. Als ein Mitpatient ihn Mit Herr Sommer anredete, fühlte er eine Wohltat:

Herr Sommer und >Sie<, das tut mir gut.
Haben wir es auch Falladas Bücher zu verdanken, dass sich hier im Laufe der Zeit auch eine deutliche Wende abzeichnen konnte? (Psychiatrie Ènquete 1970er Jahre).

Zu dem Krankheitsbild eines Alkoholikers möchte ich nicht allzuviel sagen, Fallada kann darüber besser schreiben als ich... . Aber es ist ziemlich differenziert und so ist es vielfach auch in der Realität. Auch Erwin Sommer brauchte lange Zeit, ehe er sich eingestehen konnte, dass er tatsächlich süchtig ist. Seine widrigen Umstände suchte er mehr im Außen als bei sich selbst. Und auch unter seinen Mitpatienten, so waren alle anderen die Kranken, nur er selbst nicht. Völlige Fehleinschätzung, völlige Verzerrung der Selbstwahrnehmung, keinerlei Krankheitseinsicht:



Ich war etwas anderes als die andern Kranken, ich war völlig gesund und hatte alle Aussicht, bald wieder in die Freiheit zu kommen - dieses kleine Wort >Sie< war wie eine letzte Erinnerung an das bürgerliche Leben, in das bald zurückzukehren ich so ersehnte. (…) Schuld-?! Dachte ich. Was habe ich denn Für eine Schuld?! Die bisschen Bedrohung-(...) Für eine Bedrohung kriegt man höchstens ein Vierteljahr! Das ist gar nichts, das kann man überhaupt nicht rechnen! Sie aber machen sie ein Riesensums daraus, sie schleppen mich ins Gefängnis und Heilanstalt, sie neben mir das > Herr< vor meinem Namen Sommer, Wasser geben sie dir als Fraß, und sie veranstalten Verhöre mit mir, als sei ich ein Muttermörder und der letzte der Menschen!
Seine Frau Magda dagegen zeigte auch keinerlei Einsicht, was sie in der Ehe falsch gemacht haben könnte, und schiebt alles in Form einer Tirade auf ihren Mann ab, der sowieso recht labil ist und kaum Selbstwertgefühl besitzt.

Die Gesellschaft, tja auch dort findet Erwin Sommer keinen Halt, auch nicht in seine Alkohol-Göttin aus einer Kneipe, die er regelmäßig besucht, meist wenn er Stütze sucht.


Die Justiz selbst und das Personal der verschiedenen Einrichtungen zeigten sich auch voller Vorbehalte, so nach dem Motto, einmal Täter immer Täter. Einmal Trinker, immer Trinker. 


So, ich mache jetzt hier Schluss. Was den Trinker angeht, so kommen mir keinerlei Gedanken auf, dass Erwin Sommer recht geschieht... , denn so etwas kann wirklich jedem passieren.  

Wegen der Authentizität, die echt gelungen ist, gebe ich dem Buch zehn von zehn Punkten. Auch deshalb zehn, weil die Schilderungen und Personenbeschreibungen recht differenziert dargestellt wurden und es nicht nur einen Täter oder ein Opfer gab. Irgendwie waren sie alle Täter und manche waren beides, Opfer und Täter zugleich:



  1. Erwin Sommer
  2. Magda Sommer
  3. Die Justiz
  4. Die Gesellschaft
  5. Wächter und weiteres Gefängnispersonal
  6. Die Anstalten
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„Die rechte Vernunft liegt im Herzen“ (Theodor Fontane)

Gelesene Bücher 2012: 75
Gelesene Bücher 2011: 86