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Mittwoch, 27. Dezember 2017

John Fante / Der Weg nach Los Angeles (1)


Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Spannende Eindrücke in der Leserunde, interessant, sich mit anderen LeserInnen auszutauschen, wenn man nur genug Zeit für einen Austausch dieser Art. Ich werde am Ende dieser Buchbesprechung die Leserunde mit meinem Blog verlinken. Damit ich nicht alles nochmals schreiben muss, habe ich meine Argumente hier reinkopiert. Die späteren Argumente sind im Forum nachzulesen … 

... denn die Leserunde ist noch nicht abgeschlossen. Es lohnt sich also, dort immer wieder vorbeizuschauen. 

Wir waren uns in der Leserunde alle einig. Der 18-jährige Protagonist und Icherzähler Arturo Bandini ist uns total unsympathisch. Tina war die Einzige, die versucht hatte, Verständnis für den jungen Menschen aufzubringen. Revolte und Protest seien völlig normal in diesem Alter, doch später konnte ihm Tina auch keine Sympathie mehr abgewinnen.

Doch zuerst gebe ich erneut den Klappentext rein:
Anfang der dreißiger Jahre, ein Vorort von Los Angeles: Nach dem Tod seines Vaters muss sich der 18-jährige Arturo Bandini in einer heruntergekommenen Fischfabrik sein Brot verdienen. Doch er hat den Alltag und den endlosen Kleinkrieg zu Hause satt. Er liest Schopenhauer und Nietzsche und träumt von Höherem: Er möchte Schriftsteller werden. Und dafür muss er nach Los Angeles gelangen. Schnell schließt der Leser diesen arroganten, bös-witzigen und doch so sehnsuchtsvollen jungen Mann in sein Herz. Und träumt seinen großen Traum mit ihm. Der Roman erschien nicht mehr zu Fantes Lebzeiten, zu provokant waren Thema und Sprache für das Amerika der dreißiger Jahre.

Arturo ist für mich nur ein Pseudointellektueller. Er steckt in einem Identitätskonflikt, da er jemand anderes sein möchte. Viel Wind für nichts. Ich kann ihn nicht wirklich ernst nehmen. Er rennt mit Büchern namhafter Autoren durch die Gegend, um jedem zu zeigen, was er für Bücher liest. Er zitiert sehr häufig Friedrich Nietzsche und dessen ZarathustraArturo ist demnach ein Mensch, ein potenzieller Tagträumer, der nicht in seiner Welt lebt.

Er lehnt wie Nietzsche auch sämtliche Religionen ab, er lehnt auch Frauen ab. Aber Arturo ist dadurch auch sehr widersprüchlich in seiner Lebensart … Und er ist ein Kotzbrocken. Er beschimpft Gott, die Welt und seine Familie, die aus seiner Mutter, seiner 16-jährigen Schwester und einem Onkel besteht.

Er versucht unbewusst in die Identität von Friedrich Nietzsche zu schlüpfen und nimmt sich dabei viel zu wichtig. Doch manche Äußerungen sind zum Wegschießen, dreist- und lustig zugleich …

Er führt Krieg mit Krebstieren und mit Insekten. Er tötet diese Tiere in einer sehr sadistischen Form. Grauenvoll, diese Szenen möchte ich nicht wiedergeben …  

Onkel Frank ist auch eine merkwürdige Kreatur. Er bezeichnet Arturo als Hurensohn; in dieser Beziehung fand ich es gut, wie sich Arturo gegen diese Äußerung auflehnt, in der Art, dass, wenn er der Sohn eine Hure sei, müsse der Onkel der Bruder der Hure sein ...

Aber Arturo gebraucht selbst auch anderen Menschen gegenüber diesen und andere vulgäre, primitive Ausdrücke ...

Arturos Vater ist verstorben, und nun muss er als das Familienoberhaupt für seine Mutter und seine Schwester sorgen. Er hält die Jobs nicht aus, und kündigt immer wieder, oder er wird gekündigt und seine Rolle als Arbeiter ist für ihn nicht hinnehmbar, da viel zu bieder, er habe etwas Besseres verdient.

Ich versuche, mich diesbezüglich in seine Lage hineinzuversetzen. Arturo hat die High-School mit Abschluss verlassen, ist 18 Jahre alt und zu der damaligen Zeit war man mit 18 Jahren noch minderjährig. Es stört mich, dass er die Familie versorgen muss. Eigentlich müsste die Mutter, die sehr einfach gestrickt zu sein scheint, arbeiten gehen, aber sie macht sich vom Sohn und von den Almosen ihres Bruders, Arturos Onkel, abhängig. Mich nervt ihre Abhängigkeit, und dass sie sich zum schwachen Geschlecht macht. Sie könnte sich auch auf den Weg machen, einen Job zu finden, um für sich und für ihre beiden minderjährigen Kinder zu sorgen. Auch damals gab es schon Frauen, die arbeiten gingen. Und so wird die gesamte Verantwortung dem Sohn übertragen, weil er der Mann im Haus ist, sodass er gar keine Möglichkeit hätte, sich weiterzubilden bzw. eine berufliche Ausbildung zu absolvieren.
Doch Arturo könnte auch eine Abendschule besuchen aber dafür zeigt er auch keinen Elan, außer, dass er sich von Beruf als Schriftsteller ausgibt, allerdings ohne einen Text verfasst zu haben. Ein Traumtänzer, der in anderen Sphären lebt, und in Konflikten gerät, wenn beide Welten, Traum und Wirklichkeit, aneinander geraten.

Auf den späteren Seiten zeigt Arturo Autoaggressionen, verletzt sich selbst am Daumen, erkennt aber, dass der Schmerz der Einsamkeit größer sei. Auf Seite 161 versucht er zu beten, hält seine innere Krise schwer aus. Ein stark ambivalentes Verhalten, zwischen Auf- und Abwertung sich selbst gegenüber ... Auf der Seite 163 spricht er von seinen inneren Kämpfen mit sich selbst ... Niemand sei in der Lage, in sein Inneres zu dringen. Wie denn auch, er tut alles Mögliche, die Menschen von sich fernzuhalten.

Ein Lügenbold, erzählt zu Hause, er habe sich in der Fabrik verletzt und bezeichnet sich als Sklave, er opfere sich für die Familie, doch eigentlich habe er kein Leben in der Fischindustrie verdient, sondern er sehnt sich nach einem Leben im Land des Arkadien, in dem Milch und Honig fließen ... Arkadien, eine literarische Metapher, in dem die Menschen für das süßliche Leben nichts tun müssen, außer den Mund aufzutun. Alles fließt von selbst in den Mund.

Ziemlich dreist belügt er auch seinen Chef in der Fischfabrik in voller Länge, der die Lüge nicht durchschaut und so wird Arturo durch Mitleid für mehre Wochen freigestellt …

Zu Hause findet er seine Schwester lesend vor. Er reißt ihr das Buch aus den Händen und zerreißt es in tausend Stücken, als sie sich geweigert hatte, den Buchtitel preiszugeben. Doch was war es denn für ein Buch? Welchen Titel hatte es? Das hätte mich wirklich brennend interessiert. Ich hätte mir den Buchtitel vor dem Zerreißen angeschaut.
>>Ich ernähre deinen Leib. Da habe ich wohl das Recht zu erfahren, womit du deinen Geist fütterst. << (170)
Es ist ganz klar, dass Arturo Vorbilder sucht, und seine Vorbilder sind namhafte Schriftsteller. Der schlechte Umgang mit Frauen, den muss er sich auch von Nietzsche abgeguckt haben. Er zitiert viel aus Zarathustra. Nietzsche als der große Atheist und Nietzsche, der kein Freund von Frauen war. In meiner Jugend hatte ich den Zarathustra selber gelesen und erinnere mich vage, dass auch Nietzsche etwas gegen Frauen hatte ... Einerseits war Nietzsche von Frauen abhängig und andererseits fühlte er sich von den Frauen angewidert.

Unser Held Arturo behandelt die Frauen wie Insekten …

Ich habe mal gegoogelt, und tatsächlich war Nietzsches Frauenbild negativ besetzt, habe es also richtig in Erinnerung.

Arturo kommt hin und wieder dazu, sich selbst zu reflektieren, nur leider nicht besonders lange. Er gibt schließlich selber zu, dass er keine Lust habe, über sich groß nachzudenken.

Aber eine Wende gibt es schließlich doch noch, er hat sich endlich ans Schreiben gemacht und schreibt über eine männliche Figur, die auf der Suche nach seiner Traumfrau ist ...

Ich hatte mich gefragt, was uns denn der Buchtitel mitteilen wollte? Die Antwort kommt im Buch zum Schluss.

Es sind für mich viele Fragen offengeblieben. Ich hänge immer noch an der Frage fest, was Arturo zu dem gemacht hat, was er geworden ist? Schade ...

Das Nachwort von Alex Capus fand ich sehr lesenswert. Aber dass Bukowski Fante zu den besten Autoren Amerikas zählt, ist mir ein Rätsel. Noch scnlimmer, er betrachtete Fante als seinen Gott unter den Schriftstellern ... Ich habe schon bessere Bücher gelesen.


Mein Fazit?

Viel zu einseitig erschienen mir die Erzählperspektiven. Immer aus Arturos Sicht. Das war mir zu wenig. Ich hätte gerne mehr von seiner Mutter und der Schwester Mona erfahren. War Mona wirklich so religiös? Wollte sie wirklich ins Kloster? … Monas Sichtweisen haben mir definitiv gefehlt. Und Arturo war mit seinem Größenwahn richtig frech, hat überall Menschen beleidigt, kritisiert, und Ausländer wie Mexikaner und Latinos hat er von oben herab behandelt. Dass ihm keiner eine reingehauen hat, das kann ich nicht glauben. 

Deshalb drei Punktabzüge.

2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
1 Punkte: Differenzierte Charaktere
1 Punkte: Authentizität der Geschichte
1 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein

Neun von zwölf Punkten.

Und hier geht es zur Leserunde von Watchareadin.

Weitere Informationen zu dem Buch

Ich möchte mich recht herzlich beim Aufbau/Blumenbar-Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar bedanken. Auch bei Helmut Pöll, dem Forumsbetreiber von Watchareadin, ein großes Dankeschön für die Mühe, sich bei dem Verlag für die Leseexemplare eingesetzt zu haben.

·         Gebundene Ausgabe: 268 Seiten
·         Verlag: Blumenbar; Auflage: 1 (4. Dezember 2017)
·         Sprache: Deutsch, 20,00 €
·         ISBN-10: 3351050453

Und hier geht es auf die Verlagsseite von AUfbau/Blumenbar.
___________
Wenn du die Wahl hast, ob du recht behalten oder freundlich sein sollst,
wähle die Freundlichkeit.
(Dr. Wayne D. Dyer aus dem Buch Wunder)

Gelesene Bücher 2017: 58
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86


Montag, 2. Oktober 2017

John Williams / Nichts als die Nacht (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Was für ein Buch. Eine sehr gut geschriebene Erzählung.

Ich werde nun meine Posts von der Leserunde hier einfügen, damit ich nicht alles neu schreiben muss. Außerdem ist in der Leserunde noch viel nachzulesen für alle, die mehr über das Buch erfahren möchte. Aber Vorsicht, es wird dort viel verraten, damit tue ich mir oftmals schwer, über den Inhalt so zu sprechen, ohne zu viel vom Inhalt preis zu geben ...

Morgen ist Feiertag, und so werden die anderen TeilnehmerInnen sich der Runde noch anschließen.

Zur Erinnerung gebe ich erneut den Klappentext rein:
Das Leben des jungen Arthur Maxley scheint beherrscht von Müßiggang und einem nie verwundenen Trauma aus der Kindheit. Einen Abend, eine Nacht lang, folgen wir Arthur. Zunächst zu einem Dinner mit seinem Vater, den er viele Jahre nicht gesehen hat. Etwas Schwerwiegendes steht zwischen ihnen, Schuld und Scham lasten auf dieser Begegnung, deren hoffnungsloses und abruptes Ende einen Vorgeschmack gibt auf das verheerende Finale dieser Nacht. Die Straßen und Bars des nächtlichen San Francisco sind die Kulisse, vor der sich Arthurs innerer Abgrund auftut. Während er der sinnlichen Verführung durch eine fremde Schöne nachgibt, enthüllt sich Arthurs ganze existenzielle Not: Sein Begehren ist tiefer, als dass erotische oder sexuelle Erfüllung es befriedigen könnten.

Mir ging es ähnlich wie meiner Mitstreiterin Anne Parden. Bin auch nicht so leicht in die Geschichte reingekommen und hatte schon die Befürchtung, aus Arthurs dunklem Traum nicht mehr rauszukommen. Aber die Wende kam ja ziemlich bald. Auf den ersten Seiten lernen wir Arthur kennen, in seiner dunklen Welt lebend und recht einsam. Man spürt als Leserin, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmt.  Außerdem hat mich die Einsamkeit des jungen Arthurs betroffen gestimmt. Sehr sprachgewaltig habe ich diese Szene bzw. diese Beschreibung erlebt.
Und während er so an diesem Hochsommerabend durch überfüllte Straßen ging, überfüllte ihn jene, die man nur in der monströsen Unpersönlichkeit einer Menschenmenge empfinden kann, dieses unvergleichliche Gefühl puren Alleinseins, wie man es unter keinen anderen Umständen spürt. Die einsame Gestalt in der sich kaum veränderten Weite einer Wüste ist nicht so allein, wie man sich in der Unendlichkeit einer überfüllten Stadt verloren fühlen kann. (...) Die aberhundert fremden Leiber, die unwissentlich streifen, die aberhundert fremden Blicke, die auf sein Gesicht fallen, ohne es zu sehen oder zu erkennen, die Stimmen, die um ihn herum und über ihn hinwegreden, nie aber mit ihm - darin liegt wahre Einsamkeit. (2017,84)

Man bekommt schnell mit, dass der junge Arthur seine Mutter wohl verloren haben muss. Man weiß aber noch nicht, was tatsächlich passiert ist. Man nimmt an seinen Gedanken teil, an seinen Erlebnissen mit der Mutter, an die er sich süßlich erst zurückerinnert in der Art, wie ich es von Proust kenne ... Dann die Angst vor dem Vater, oder vielmehr die Abneigung gegen ihn. Man muss weiterlesen, um mehr Klarheit zu bekommen, denn so scheint es, dass beide vor irgendetwas davonlaufen. Die Beziehung zwischen dem Vater und Arthur scheint auch gestört zu sein.

Zwischendrin besucht Arthur ein Tanzlokal, in dem Striptease auf der Bühne auftreten. Nun ist er unter Menschen, lernt Claire kennen, und doch fühlt er sich nicht wohl. Er sehnt sich danach, wie Blinde und Gehörlose zu leben, die die Welt von innen erfassen, und sich nicht von Äußerlichkeiten blenden zu lassen … Arthur fühlt sich zu Claire hingezogen. Findet an ihr Seiten, die ihn stark an seine Mutter erinnern lassen. Nach der Tanzparty gehen sie gemeinsam zu Claire nach Hause und dort passieren Dinge, mit denen man als Leserin nicht gerechnet hätte.

Auch mit der Art des Ausgangs habe ich nicht gerechnet. Nun ist es raus, was mit der Mutter passiert ist. Nun ist es raus, weshalb Arthur ein so einsamer Mensch ist, der sich in einer dunklen Welt am wohlsten fühlt, so scheint es. Das Ende erlebte ich als sehr schockierend und stimmt mich sehr nachdenklich. Da dies eine relativ kurze Erzählung ist, möchte ich nicht zu viel verraten.

Aber es bleiben auch Fragen offen. Nicht alles konnte geklärt werden ... 

Mein Fazit?
Super Schreibstil, super Themen, sodass ich von dem Autor noch die anderen Bücher lesen möchte. John Williams verfügt über fundierte Kenntnisse der Psychologie, ist literarisch sehr sprachgewandt und versiert, er schafft es, so schwere Themen wie diese auf wenigen Seiten zu packen. Auch das Nachwort von Simon Strauß fand ich sehr hilfreich und sehr interessant, gibt von dem Autor auch etwas Biografisches kund.

2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein

12 von 12 Punkten


Weitere Informationen zu dem Buch:

Ich möchte mich recht herzlich beim Forumsbetreiber Helmut Pöll für sein Engagement bedanken, dieses Leseexemplar erfolgreich beim dtv Verlag angefragt zu haben.
Ein großes Dankeschön geht auch an den dtv-Verlag, der uns UserInnen die Lesexemplare hat zukommen lassen.

·         Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
·         Verlag: dtv Verlagsgesellschaft; Auflage: Deutsche Erstausgabe (8. September 2017)
·         Sprache: Deutsch, 18,00 €.

Und hier geht es auf die Verlagsseite vom dtv. 
Und hier geht es auf die Website von John Williams. 
Und hier geht es zu der Leserunde von Watchareadin
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Gelesene Bücher 2017: 42
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86


Sonntag, 13. August 2017

Ian McEwan / Der Zementgarten (1)



Lesen mit der Leserunde Watchareadin... 


Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Und wieder ein Buch, das mich so gepackt hat, dass ich nicht aufhören konnte zu lesen. In der Leserunde sind die UserInnen schon fleißig am Diskutieren, und ich bin schon mit dem Buch durch. Wie so oft wurde ich von dem Lesen so gefangen genommen, dass ich nicht aufhören konnte zu lesen, weshalb ich in der Leserunde nur wenig geschrieben habe. Mich hat das Buch einfach gefesselt. Ich wollte unbedingt die Entwicklungen weiterverfolgen, ich wollte unbedingt wissen, wie die Handlungen enden. Ich muss nun aufpassen, in der Leserunde nicht zu viel zu verraten.

Zur Erinnerung gebe ich erneut den Klappentext rein:
Papa ist tot, Mama stirbt und wird, damit keiner was merkt, einzementiert; die vier Kinder – zwei Mädchen und zwei Jungen zwischen 6 und 16 – haben das große Haus in den großen Ferien für sich. Im Laufe des drückend heißen, unwirklichen Sommers kapselt sich die Gemeinschaft der Kinder mehr und mehr gegen die Außenwelt ab, und keiner merkt, dass etwas faul ist.

Dass keiner etwas merkt, wie es im Klappentext steht, stimmt nicht so ganz. Es hat sehr wohl jemand gemerkt und zwar der dreiundzwanzigjährige Derek …

Mich hat das Buch regelrecht schockiert. Auch ich habe mich dabei gefragt, wo der Autor seinen Stoff her hat??? Die Eindrücke, die die UserInnen in der Leserunde geschildert haben, kann ich sehr wohl teilen. Ich sehe es ähnlich, weshalb ich später meine Buchbesprechung mit der Leserunde verlinken werde, auch, damit ich mich nicht wiederholen muss.

Mich hat schockiert, wie sehr die Kinder mit dem Verlust der Mutter schicksalhaft alleine gelassen waren, und sie nicht wussten, wie sie mit ihrer Trauer umzugehen hatten. Mich hat schockiert, wie sie die tote Mutter beseitigt haben. Diese Bilder in meinem Kopf, als sie die Leiche der Mutter in eine Kiste gelegt haben, um sie mit Zement zuzudecken, und später dieser unangenehme Verwesungsgeruch ekelte mich ... Sind Kinder tatsächlich zu solchen Taten fähig?

Man hat aber nicht den Eindruck, dass die Kinder trauern, nach dem die Mutter beseitigt war. Wie auch; es gab keinen Raum dafür. Sie hatten sich um Dinge zu kümmern, die eigentlich die Angelegenheit von Erwachsenen gewesen wären. Jedes Kind hatte seine eigene Art, im Stillen mit dem Verlust fertigzuwerden, vor allem der sechsjährige Tom, der wieder in die Kleinkindphase regrediert ist. Oder Julie, die Älteste, die dafür sorgte, die Geschwister zusammenzuhalten. Man stellt sich die Frage, wie lange lassen sich solche traumatischen Erlebnisse in dieser Familie verdrängen? Wie lange lassen sich Familiengeheimnisse wie diese vor der Gesellschaft geheim halten?

Es ist keine gewöhnliche Familie mit allen möglichen seelischen und emotionalen Standards.

Es ist eine sehr einsame Familie, die uns der Autor hier aufzeigt. In dieser Familie finden kaum Kontakte zu anderen Menschen statt. Auch gab es keine Verwandte, da sowohl der Vater als auch die Mutter Einzelkinder waren. Die Eltern von beiden müssen schon tot sein.

Freundschaften wurden auch keine geschlossen, und so brachten auch die Kinder niemals FreundInnen mit nach Hause. Diese Einsamkeit zeichnet sich noch deutlicher ab, als nun auch die Mutter stirbt. Über Probleme zu reden war hier nicht üblich.

Und als die Mutter stirbt, mit diesem Zeitpunkt hört die Kindheit von Jack, Julie und Suse auf. Tom ist mit seinen sechs Jahren noch zu klein, doch seine Art, den Mutterverlust zu verarbeiten, liegt, wie ich oben schon erwähnt habe, in der Regression, als  er in die Kleinkindphase flüchtet, um von seiner großen Schwester Julie aufgefangen zu werden …

Von dem Vater hätte ich gerne mehr gewusst. Er schien bei seinen Kindern nicht wirklich beliebt zu sein, während die Mutter viel wärmer wirkte, sich aber dem Vater untergeordnet hatte. Wenn er den Kindern Unrecht tat, dann stellte sich die Mutter nur hinter seinem Rücken auf die Seite ihrer Kinder. Es lässt mich vermuten, dass der Vater zu Gewalt neigte.

Mit welcher Idee die Kinder die tote Mutter letztendlich aus dem Wohnbereich weggeschafft hatten, machte mich sprachlos. Ich habe mit ihnen gebangt, wenn mich auch diese Szene erschauern ließ, ich aber die Ängste sehr wohl nachvollziehen konnte, unter welchem Druck die Kinder standen, damit die Geschwister nicht auseinandergerissen werden würden, für den Fall, dass die Öffentlichkeit sich einschalten würde. Schließlich war es die Mutter, die, als sie schon auf dem Sterbebett lag, mit Jack redete, dass er zusammen mit Julie die Verantwortung für die Geschwister und das Haus übernehmen solle. Sie müsse für eine längere Zeit fort. Jack bekam Angst, und fragte, wohin sie gehe, so antwortete sie, dass sie ins Krankenhaus gehen würde. Zwei Tage später lag die Mutter tot im Bett. Ich frage mich als Leserin, ob die Mutter nicht in der Lage war, die Kinder auf ihren baldigen Tod vorzubereiten? Wahrscheinlich nicht, da es in diesem Haus nicht üblich war, über Probleme zu reden. Doch Jack wunderte sich selbst, weshalb die Mutter nun doch nicht in die Klinik kam und stattdessen stirbt. Aber wer hätte denn den Arzt rufen können? Nur die Kinder. Doch die Mutter lehnte, als die Krankheit ausgebrochen war, jegliche Ärzte ab, da ihr scheinbar keine Heilung attestiert wurde, und so behielt sie ihre Diagnose für sich. Sie vertröstete stattdessen die Kinder, dass die Ärzte zu inkompetent wären, sie zu behandeln. Sie würde schon wieder gesund werden, es sei nur eine vorübergehende Schwäche. Die Kinder glaubten ihr.

Man weiß bis zum Schluss nicht, an welcher unheilbaren Erkrankung die Mutter litt … Auch sie bemühte sich bis zum Schluss, keine Schwäche zu zeigen.

Viele Fragen bleiben am Schluss offen. Es gibt allerdings kleine Andeutungen über Derek, der am Ende schockiert das Haus dieser Kinder verlässt, als er Zeuge eines außergewöhnlichen sexuellen Aktes von Seiten Julie wurde. Wutentbrannt rennt er in den Keller, haut mit einem Werkzeug auf die Zementkiste, in der die Mutter einzementiert liegt, anschließend verlässt er das Haus, steigt in seinen Wagen und braust los. Es lässt vermuten, dass er sich rächen wird, und sich sehr wohl an die verschiedenen Behörden wenden wird. Das wäre schließlich das Aus für diese Geschwisterkinder. 


Mein Fazit?

Es gibt noch viele andere Themen in dem Buch, über die ich mich noch nicht geäußert habe, da in der Leserunde schon darüber geschrieben wurde. Themen, die ein wenig peinlich erscheinen ... Ein supergut geschriebenes Buch. Im Anhang ist eine Bücherliste des Autors abgedruckt, die ich unbedingt abzuarbeiten beabsichtige. Der Autor hat so eine klare Sprache, und die Themen fallen immer aus der Rolle, weshalb es mich reizt, noch mehr von dem Autor zu lesen. Das nächste Buch, das ich von McEwan lesen werde, ist Abbitte

Weiteres ist hier aus der Leserunde entnehmen.

Und hier meine Beurteilung:

2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein

Zwölf von zwölf Punkten.

Weitere Informationen zu dem Buch

Taschenbuch 
208 Seiten 
erschienen am 02. Januar 1999 

978-3-257-20648-7 
€ (D) 11.00 / sFr 15.00* / € (A) 11.40 
* unverb. Preisempfehlung 

Und hier geht es auch die Verlagsseite von Diogenes.
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Gelesene Bücher 2017: 32
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86


Donnerstag, 11. Mai 2017

Kurban Said / Ali und Nino (1)

Ein Verriss


Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Leider musste ich das Buch abbrechen, da es geradezu von Klischees wimmelt. Ich habe es bis zur 200. Seite geschafft. Ich hatte noch auf einen Wandel gehofft, aber der blieb aus, weshalb ich schließlich die Leserunde auf Whatchareadin wieder verlassen habe, da ich noch genug andere Bücher zu lesen habe. Meine Lesezeit ist so knapp bemessen, dass ich keine Zeit zu verschwenden habe.

Mich nervt, dass der Protagonist Ali von seinen Landsleuten der Einzige zu sein scheint, der es anders machen will mit seiner zukünftigen Frau, die z. B. keinen Schleier tragen müsse und sie als Christin auch nicht in den Islam zu konvertieren brauche ...

Aber er bekommt jedes Mal Ratschläge von seinen Landsleuten, wie er mit seiner zukünftigen Frau umzugehen habe, denn

        Frauen sind wie Kinder, nur um vieles listiger und bösartiger.

Gegenüber dem Vater verteidigt er seine angehende Frau Nino: 
>>Vater, aber ich liebe sie doch.<< Er schüttelte den Kopf.

>>Man soll im Allgemeinen eine Frau nicht lieben. Man liebt die Heimat, den Krieg, manche Leute lieben schöne Teppiche oder seltene Waffen.<< (2016,136)
Männer, die ihre Frauen lieben würden, bezeichnete der Vater als Irre. Es sei schließlich gottgewollt, dass Frauen ihre Männer lieben, und nicht umgekehrt.

Zwischen Ali und Ninos Vater, ein Fürst, kommt folgendes Gespräch zustande.
Der Fürst war feierlich. Er sprach von der Ehe ganz anders als mein Vater. Seiner Meinung bestand in gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger Achtung. Mann und Frau müssen mit Rat und Tat einander beistehen. Sie müssen auch immer daran denken, dass sie beide gleichberechtigte Menschen mit freier Seele sind. (Ebd)
Und wieder ein Buch, das sämtliche Vorurteile Menschen anderer Religionen und Kulturen schürt. Und so frage ich mich erneut, wer denn hier rückständig ist, wenn die Betrachterin von diesen stereotypen und klischeehaften Bildern nicht loslassen kann?


Mein Fazit?

Ich habe schon ein paar Bücher von Ländern aus dem Islam gelesen. Und sie waren in ihrer Denkweise sehr fortschrittlich. Mit so viel Weisheit waren die Bücher bestickt, die ich hier in unserem Buch auch vermutet hatte. Aber leider wurden meine Erwartungen recht schnell enttäuscht.

Ich habe schon ein paar Seiten weitergelesen, und die rigide Haltung zur Frau nimmt immer mehr zu. Erfüllt so ganz die Erwartungen und Vorurteile vieler Menschen aus der westlichen Welt. 
Ein Buch, das stark nach den Maßstäben und Wertevorstellungen der westlichen Welt geprägt ist. Im Autorenporträt steht, dass Kurban Said ein Pseudonym ist. Dahinter würde sich der Name einer Europäerin namens Elfriede von Ehrenfels verbergen. 

Das Buch erinnert mich ein wenig an Elena Ferrante von meiner Leseerfahrung her. 

Und zum Schluss noch ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe: 
Wer sich selbst und andere kennt
Wird auch hier erkennen
Orient und Occident
Sind nicht mehr zu trennen
Sinnig zwischen beiden Welten
Sich zu wiegen lass ich gelten
Also zwischen Ost und Weste.

1 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
0  Punkte: Differenzierte Charaktere
0  Punkte: Authentizität der Geschichte
1  Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
0  Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein

Vier von zwölf Punkten.


Weitere Informationen zu dem Buch

Ich möchte mich recht herzlich beim Forumsbetreiber Helmut Pöll auf Whatchareadin bedanken, der mit seinem Engagement Anfragen für dieses Buch beim Ullstein - Verlag gestellt hat. Auch ein herzliches Dankeschön an den Ullstein - Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Taschenbuch
ISBN: 9783548289045
Erschienen: 18.11.2016 im Ullstein - Verlag
Preis: €10.00

Und hier geht es auf die Verlagsseite von Ullstein. 

Und hier geht es zur Leserunde.

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LIEBE FÜR ALLE
HASS FÜR KEINEN
(www.ahmadiyya.de)

Gelesene Bücher 2017: 18
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86